Thunderbolt und Lightning

Ich schreibe jetzt mal über was, von dem ich so richtig keine Ahnung habe:

Zwei Kolleg*innen haben heute neue Notebooks bekommen, die nun AMD Ryzen statt Intel Core CPUs haben. Die können daher nun unsere USB-C-Dockingstationen nicht mehr nutzen, weil die für Intel-Notebooks waren, und Ryzen-Notebooks keine Thunderbolt-Dockingstationen unterstützen. Zumindest nicht bei dem Hersteller, von dem unsere Notebooks sind.

Ich erstmal googeln: Thunderbolt.

Ein befreundetes Paar zeigte uns kürzlich beim Abendessen ein Tablet mit USB-C-Anschluss und eine Kamera mit Micro-B-Anschluss. Sie würden gar nicht die Speicherkarte aus der Kamera nehmen und ins Notebook stecken, sondern die Geräte mit einem Kabel verbinden, erzählten sie uns.

Ich erstmal googeln: Micro-B.

Verstanden habe ich, dass USB-A, Micro-B und USB-C Steckerformen sind, sowie Thunderbolt 3 und USB 3.1 Protokolle.

Und sog. Standards, die diese Protokolle sprechen, die gibt es auch noch: USB4 z.B. spricht u.a. Thunderbolt 3 (bis 40 GBit/s) und USB 3.1 (bis 10 GBit/s). USB4 spricht auch noch ein anderes USB-Protokoll mit ebenfalls bis 40 GBit/s, und Thunderbolt 4 gibt es außerdem auch noch. Aber auch wenn z.B. „Thunderbolt / USB4“ draufsteht (wie beispielsweise bei den Apple Macbook Air von 2020 und von 2022), ist meist trotzdem nur Thunderbolt 3 und USB 3.1 drin, weil ein Standard an den Geräten nicht alle seine Protokolle tatsächlich unterstützen muss.

Die Steckerform bei Thunderbolt 3 (auch selbst ein Standard) ist USB-C. Ebenso bei USB4. Ältere Kabel mit USB-A oder Micro-B-Steckern sprechen nur USB 3.1. Ich kenne das von meinen externen Festplatten. Die haben als Steckerform Micro-B an der Platte und USB-A am anderen Ende des Kabels.

Beim googeln bin ich dann sogar auf Leute gestoßen, die solche externen Festplatten an ein altes iPad mit Lightning-Anschluss angeschlossen haben. Lightning ist Steckerform, Protokoll und Standard in einem, und der Standard spricht kein anderes Protokoll. Man braucht ein externes Gerät, einen sog. Protokollkonverter, der das Lightning-Protokoll in das USB-Protokoll übersetzen kann. Man verbindet mit einem Kabel den Konverter mit dem iPad, mit einem anderen Kabel den Konverter mit dem Netzteil des iPads (!) und mit einem dritten Kabel den Konverter mit der externen Platte. Die USB-C-Buchse am Konverter wird dort also für die Stromversorgung der externen Platte benutzt.

Seit etwa 4 Jahren haben die meisten iPads natürlich selber eine USB-C-Buchse und sprechen auch selber das USB-3-Protokoll, nur habe ich eben kein so ein Gerät, sondern halt noch Lightning. Meine On-Ear-Kopfhörer, mein E-Book-Reader, meine Waage und meine Kamera haben sogar noch „Micro-USB“-Buchsen! Das ist optisch so ein halbes Micro-B, was deshalb aber auch nur USB 2.0 sprechen kann. Nur meine In-Ear-Kopfhörer, das iPad-Netzteil und natürlich mein berufliches Notebook haben bereits eine USB-C-Buchse.

Warum Ryzen-Notebooks nun keine Thunderbolt-Dockingstationen unterstützen, habe ich aber immer noch nicht verstanden. Geht es darum, dass zwei externe 4K-Bildschirme über ein einziges Kabel versorgt werden müssen? Sprechen die Dockingstationen für Intel-Notebooks also nur Thunderbolt und die für Ryzen-Notebooks nur ein anderes schnelles USB4-Protokoll?

Dafür, dass die Thunderbolt-Protokolle inzwischen eigentlich in den USB4-Standard integriert wurden (Thunderbolt also als Standard nicht mehr eigenständig weiterentwickelt wird), ist das ganz schön peinlich. Ob das bei anderen Notebook-Herstellern auch so ist, habe ich dann aber nicht mehr gegoogelt. Und auch warum unterschiedliche Kabel mit USB-C-Steckern unterschiedliche Protokolle unterstützen, oder eben nicht, habe ich nur mitbekommen, aber nicht verstanden. Ginge das alles nicht auch ein bisschen einfacher?

In der Praxis ist es allerdings oft auch tatsächlich sehr einfach. Meine Frau z.B. hat USB-C an Kamera und iPad und zieht das Ladekabel des iPads einfach aus dem Netzteil und steckt es in die Kamera, um dessen RAW-Dateien nach Lightroom zu importieren. Ganz ohne Adapter, Konverter, Kartenleser oder irgendwelche zusätzlichen Kabel. Ich weiß daher sicher, dass ich mein iPhone erst ersetzen werde, wenn es ein Modell gibt, das kein Lightning mehr hat. Dessen Zeit ist einfach abgelaufen. Und wenn ich das richtig verstanden habe, erlaubt die EU ab Ende 2024 eh keine Lightning-Buchsen mehr. Apple wird daher wohl bereits Ende 2023 weltweit auf USB-C / USB4 an allen Geräten umstellen. Und die Thunderbolt- und Lightning-Protokolle kann man ja auch über USB4-konforme USB-C-Buchsen weiter unterstützen. Wir werden sehen, das da kommt.

„Thunderbolt and Lightning, very, very frightening me“ (Bohemian Rhapsody, Queen, 1975)

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Ende der Maßnahmen

Es gibt Länder, da hat die Politik ein Datum gesetzt. Ist der genannte Tag erreicht, bedeutet er das Ende aller Maßnahmen. Nicht-pharmazeutische Maßnahmen im Zuge der Covid-19-Pandemie — wie Kontaktbeschränkungen und sowas — gibt es dann einfach nicht mehr.

In Deutschland gibt es so ein Datum aktuell nicht, zumindest habe ich davon nichts mitbekommen. Hier wurde ja auch bisher in allen Phasen dieser Pandemie immer erstmal irgendwie „auf Sicht gefahren“, so dass es verwunderlich wäre, wenn plötzlich etwas passiert, was auch nur im Entferntesten nach Strategie oder nach einem Ziel aussieht. Wer heute trotzdem versucht, in die politische Zukunft zu orakeln, dürfte daher meistens zu der Vermutung kommen, dass uns hierzulande sowas wie 3G-Nachweispflicht und Maskenpflicht in bestimmten Bereichen noch mindestens bis Frühjahr 2022 erhalten bleiben werden. Vielleicht auch viel länger. Man möchte eben weiterhin „auf Sicht fahren“, da man was anderes nicht denken kann. Vielleicht, weil man auch überhaupt gar nicht denken möchte.

Ich wünsche es mir aber. Also das Denken. Aber vor allen Dingen das Schlussdatum. So ein Schlussdatum wie in diesen anderen Ländern. Ich wünsche mir ein Schlussdatum für alle Corona-Maßnahmen. Ein Schlussdatum für Maskenpflicht, für Testpflicht und sogar für den Druck, sich impfen zu lassen. Und erst recht natürlich für Kontaktbeschränkungen. Am besten ein und dasselbe Schlussdatum für alle diese Dinge. Mit dem Übergang vom pandemischen ins endemische Infektionsgeschehen ist es irgendwann Definitionssache, ob wir noch in der Pandemie sind oder nicht. Und dann kann man auch definieren, wann es vorbei ist. Und damit, dass es vorbei ist.

Im Grunde war diese Pandemie ja auch bisher schon Definitionssache. Pandemie war, wo ohne Maßnahmen „Überlastung des Gesundheitssystems“ drohte. Da hatte man dann einige Menschen durch irgendwelche Maßnahmen vor dem Virus beschützt, und einige auch nicht. Hauptsache die „Überlastung“ ging ein bisschen zurück. Dass man willkürlich einige Menschen lange vor dem Bestehen von Impfangeboten vorsätzlich erkranken ließ, fand man ok. Dass man mit den Maßnahmen ebenfalls vorsätzlich und willkürlich einige Menschen direkt schädigte, und andere nicht, fand man auch ok. Wer sowohl von dem Virus als auch von den Maßnahmen weniger bedroht war als andere, war halt besser dran als andere. Und die Leute, die die Maßnahmen beschlossen haben, waren immer besser dran. Im Grunde ging es nur um den Schutz des ökonomischen Systems. Die einen opferte man dem Virus, die anderen den Maßnahmen, um insgesamt möglichst nichts ändern zu müssen. So war das. Im Rückblick könnte man auch sagen: So war das „notwendig“.

Inzwischen sind wir aber in einer Phase der Pandemie angekommen, wo kurzfristige und gute Impfangebote für nahezu jeden verfügbar sind. Man muss nicht einmal viel abwägen. Die Entscheidung für eine Impfung ist naheliegend und risikoarm, sowie nahezu flächendeckend für jeden auch ohne Termin umsetzbar. Eine Rechtfertigung, mit nicht-pharmazeutischen Maßnahmen auf die Menschen einzuprügeln, gäbe es nur noch, wenn trotz Impffortschritts ansonsten erneut eine „Überlastung des Gesundheitssystems“ drohte. Wer sich mal mit den Zuständen in einem Krankenhaus oder auf einer Pflegestation beschäftigt hat, wird sich allerdings verwundert fragen, wann das Gesundheitssystem denn jemals nicht überlastet war (und warum das Ganze überhaupt noch „Gesundheitssystem“ heißt, aber das ist ein anderes Thema). Auch das ist nämlich reine Definitionssache. Jedenfalls sind inzwischen keine von den bisherigen Maßnahmen für eine Überlastungsvermeidung mehr „notwendig“. Denn die Entscheider sind jetzt alle geimpft.

Damit klar wird, dass ich das alles ernst meine, möchte ich hier nun noch kurz auf drei Dinge separat eingehen, um sie näher zu begründen — nämlich auf den Impffortschritt, die Maskenpflicht und auf die mit der Testpflicht verbundene Markierung von Menschen — bevor ich dann mein Fazit präsentiere.

Zum Impffortschritt:

  • Ich verstehe, dass sich viele Leute zwar impfen lassen würden, und eigentlich auch längst wollten, aber bisher irgendwie nicht in die Puschen kamen. Ja, die brauchen einen Arschtritt. Ich verstehe auch, dass sich viele Leute von Falschinformationen über das Impfen leiten lassen. Ja, die müssen auf den Pott gesetzt werden. Motivation und Aufklärung sind Hilfen, die man nicht verweigern darf, denn mit der Impfung schützt man sich nicht nur selber vor einem schweren Krankheitsverlauf, sondern man schützt insbesondere andere. Außerdem ermöglichen Impfungen mehr menschliche Kontakte auch während der pandemischen Hochphasen, und zwar für alle. Sie ersetzen ansonsten notwendige nicht-pharmazeutische Maßnahmen.
     
  • Es gibt aber eben auch Menschen, die ihre Entscheidung bereits getroffen haben und diese auch informiert getroffen haben, und deren Entscheidung nur eben anders ist, als man das gerne hätte. Das ist dann einfach so. Da letztendlich jeder medizinische Eingriff (und darum handelt es sich bei einer Impfung) am Ende immer alleine von der betroffenen Person verantwortet wird, kann ich nicht verstehen, wie man diese Entscheidung nicht akzeptieren kann. Man muss das sogar respektieren und nicht nur tolerieren. Es ist immer eine individuelle Abwägungssache. Ich hatte mich seinerzeit für eine Impfung entschieden, aber das macht mich nicht besser als andere, die sich genauso bewusst und informiert bisher dagegen entschieden haben.

Zur Maskenpflicht:

  • Ich trage, wenn ich in Innenräumen auf andere Leuten treffe, immer frische FFP2-Masken (eben der anderen Leute wegen), und kann auch gut darin atmen (habe selber kein Problem damit). Ich finde den Anblick aber immer noch traumatisierend, wenn in einer Gruppe von Menschen alle mit Maske herumlaufen. Und ich finde die Vorstellung schlimm, dass sich jemand vielleicht von seiner Maske eingeengt fühlt, diese aber auch in Panikattacken nicht absetzen darf. So langsam wird sogar Einkaufen für mich zum Problem, weil ich die Maskenpflicht zunehmend nicht mehr aushalte. Und es geht damit nicht einmal um mich. Es geht darum, was die Maskenpflicht mit uns allen macht.
     
  • Ich glaube nämlich immer mehr, dass wir eigentlich längst alle ein immer größer werdendes Problem mit den Masken haben, ob nun mit dem Tragen oder dem Anblick oder etwas anderem. Außerdem sind wir ja allgemein auf den Austausch von Viren untereinander auch gesundheitlich angewiesen. Der Vorteil, den Zeitpunkt der ersten Infektion mit SARS-CoV-2 noch etwas zu verschleppen (weil wir da noch nicht wirklich im endemischen Geschehen angekommen sind), wird so langsam von dem Nachteil übertroffen, dass die Immunisierung gegen andere Krankheiten zu lange unterbleibt. Man erkrankt dann früher oder später an etwas anderem schwer, was doch auch keine Lösung ist.

Zur Markierung von Menschen:

  • Ich weiß noch, wie mir schlecht wurde, als ich die Strichcodes an den Wohnblöcken in Grünhöfe gesehen hatte (das ist ein Armenviertel in Bremerhaven). Und wir mir aus dem gleichen Grund schlecht wurde, als wir All-inclusive-Teilnehmer auf der Klausurtagung uns für den Zugang zum Buffet mit einem nicht unzerstört ablegbaren Bändchen markieren sollten. Ich ertrage es einfach nicht, wenn Menschen direkt oder indirekt markiert werden. Ich weiß auch noch, wie entsetzt ich war, als mir bei einem Besuch in einem Pflegeheim eine Pistole an den Kopf gesetzt wurde, um ungefragt meine Körpertemperatur zu messen. Oder wie entsetzt ich war, als ich mich für den Zugang zum Frisör oder zum Büro plötzlich testen lassen musste. Spoiler: Ich habe das Pflegeheim nie wieder betreten, und auch nie eine Location, für die ich einen Test gebraucht hätte. Ich würde es einfach nicht ertragen, getestet zu werden. Das ist Klassifikation nach personenbezogenen medizinischen Daten.
     
  • Ein „blaues Bändchen für Geimpfte“ zu tragen (in Zügen und in der Gastronomie in Frankreich, aber auch in einem Freizeitpark in Deutschland war das mal ein Thema), würde mir wahrscheinlich trotzdem nichts ausmachen, obwohl es die beiden Aspekte des vorgenannten Punktes vereint (sichtbare Markierung von Menschen aufgrund von personenbezogenen medizinischen Daten). Das liegt aber wahrscheinlich an der Vorbildfunktion des Geimpftseins und an der Wichtigkeit einer hohen Impfquote. Ich finde es aber richtig, dass diese Praxis jeweils Skandale ausgelöst hat. Es sind Skandale!

Mein Fazit:

  • Ich bin gegen die Diskriminierung von Ungeimpften (siehe „Zum Impffortschritt“), gegen ein Fortbestehen der Maskenpflicht (siehe „Zur Maskenpflicht“), und ich bin generell gegen das Testen und Markieren von Menschen (siehe „Zur Markierung von Menschen“). Sobald ein gewisser Erstimmunisierungsfortschritt in der Bevölkerung vorhanden ist, also das Geschehen zunehmend endemisch wird, müssen wir aufhören, einen 3G-Nachweis zu fordern, bzw. sogar verbieten, dass er irgendwo gefordert wird. Es geht niemanden etwas an, ob jemand geimpft, getestet oder genesen ist oder auf anderem Wege zu Antikörpern oder anderen Immunantworten gekommen ist (z.B. durch unentdeckt durchgemachte Infektionen oder durch Medikamente). Das sind personenbezogene medizinische Daten!
     
  • Wenn diese 3G-Sache zu lange geht, internalisieren außerdem zu viele Menschen den Generalverdacht gegen Viren als schädlich und gegen andere Menschen als deren Überträger. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Der enge Kontakt mit Menschen mitsamt all ihren Viren ist extrem wichtig für unser Immunsystem und unser aller Gesundheit. Und ist mal jemandem aufgefallen, dass man für einen 3G-Nachweis immer seinen Personalausweis vorzeigen muss? Wann ist es plötzlich ok geworden, sich nicht mehr anonym bewegen zu können?

Wenn wir die Pandemie für beendet erklären, weil das eh Definitionssache ist, und alle nicht-pharmazeutischen Maßnahmen streichen, wären alle diese Probleme gelöst. Ja, ich weiß auch, dass noch ein harter Winter 2021/2022 kommt, was Erkrankungen angeht. Aber ich bin überzeugt, dass fortbestehende nicht-pharmazeutische Maßnahmen zu Corona alles nur noch schlimmer machen würden. Es muss ein Schlussdatum geben, und es muss das bald geben. Eine Herdenimmunität kommt eh nie, und eine Grenze zwischen pandemischem und endemischem Geschehen wird man auch nicht messen, sondern auch wieder nur definieren können. Wenn wir die Pandemie jetzt nicht bald für beendet erklären, wird sie nie enden, weil sie in den Köpfen der Leute dann zum Selbstläufer wird und immer weiterbesteht. Wir müssen den Geist wieder einfangen, den wir aus der Flasche gelassen haben, so lange wir es noch können! Vollständig. Und so bald wie möglich. Die Länder, in denen die Politik ein Datum gesetzt hat, an dem alle Maßnahmen ganz eingestellt werden, machen es richtig. Ich möchte das auch für Deutschland.

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Was ist eigentlich aus ipernity geworden?

Wieso frage ich das?
These: Ich frage das, weil ipernity in den Nuller Jahren eine interessante kommerzielle Fotoplattform war, die eine gute Alternative zu flickr anbot. Auf meiner flickr-Profilseite steht noch heute „I left flickr in October 2008 and returned in January 2012. In between I was on ipernity (that I finally left in November 2012).“ Mein erstes Foto bei ipernity hatte ich in der Tat 2008 dort hochgeladen, und mein Profilbild dort ist noch heute ein Ausschnitt aus diesem Foto. Vor 2008 und nach 2012, also um ipernity herum, war ich jeweils jahrelang bei flickr. Ich hatte ipernity damals wieder verlassen, weil die Plattform von den Entwicklern zerschrottet wurde. Aber das ist lange her.

Und was ist nun aus ipernity geworden?
These: Die Firma ging irgendwann pleite, und ein Verein hat es übernommen, die alte Software weiter zu betreiben. Dazu kann man z.B. diese Pressemitteilung finden. Ich bin sehr dankbar darüber, dass die Plattform gerettet wurde. Dadurch kann ich mir heute immer noch angucken, was ich damals fotografisch so gemacht hatte. Ein Offline-Archiv habe ich nämlich nicht.

Wenn ipernity also nun ein Verein ist, wo kann man dann sehen, wer im Vorstand ist und solche Dinge?
These: Der Verein präsentiert sich wohl nur in ipernity selbst, und das dort in Form eines normalen Users. Er hat den Namen ima.team und wie jeder andere User auch u.a. eine Einstiegsseite und eine Profilseite. Und auf der Profilseite sind die Personen mit besonderen Verantwortlichkeiten genannt. Darunter sind von der Mitgliederversammlung Gewählte und von den Gewählten Benannte. Vereinsmitglied ist jeder zahlende User!

Sind diese besonderen Verantwortlichkeiten irgendwo näher beschrieben, damit man sich das besser vorstellen kann?
These: Der Verein kommuniziert, weil er sich eben in Form eines normalen ipernity-Users präsentiert — wie jeder andere User auch — über drei Streams: Fotos, Artikel und Dokumente. Zu den Details der Verantwortlichkeiten findet man diesen Blogeintrag. Man kann darin gut nachlesen, was da (ehrenamtlich!) für Aufgaben gestemmt werden. Ich finde es schon bewundernswert, dass sich Leute finden, die solche Aufgaben übernehmen.

Wenn sich der Verein ipernity also nur in der Plattform ipernity abbildet, wie macht er dann Mitgliederversammlungen und sowas?
These: Schaut man die Liste der Gruppen an, in denen der User ima.team aktiv ist, findet man die Gruppe ipernity-Mitgliedervollversammlung. Über eine andere Ansicht dieser Gruppe, kommt man zu einem „Willkommen! / 2020“-Thread mit 199 Kommentaren. Ich glaube, dort fand die letzte Mitgliederversammlung statt.

Wie muss man sich das vorstellen, dass eine Mitgliederversammlung in einer statischen und editierbaren Webseite stattfindet?
These: Offenbar ist es so, dass derjenige, der gerade „spricht“, einfach in den Thread schreibt, während alle anderen Teilnehmer laufend F5 drücken (= den Refresh-Button ihre Browsers klicken) und die Protokollant:in immer wieder Screenshots macht. Diese Screenshots werden dann hinterher über den Dokumente-Stream von ima.team in einem PDF bereitgestellt und in einem Ergebnis-Thread in der Mitgliederversammlungs-Gruppe verlinkt.

Und wo machen die Teilnehmer während der Mitgliederversammlung ihren Klönschnack?
These: Dafür gibt es in der Gruppe als separaten Thread eine Lounge und zusätzlich einen Channel auf dem in dem Willkommen-Thread (in dem das offizielle Programm stattfindet) verlinkten Discord-Server. Das ist dann doch auf einer anderen Plattform, aber das soll auch so sein. Dadurch bleibt eine Kommunikation auch während möglicher technischer Aussetzer der ipernity-Plattform möglich. Es müssen aber nicht alle Versammlungsteilnehmer auch bei Discord sein, da alles dort nicht Teil der Versammlung ist.

Und wie funktioniert das mit den Abstimmungen?
These: Für jede Abstimmung gibt es einen separaten Thread in der Gruppe, und man schreibt da „ja“ oder ein anderes eindeutiges Einzelwort rein (z.B. „nein“), sobald die Abstimmung eröffnet ist.

Aber warum stelle ich mir eigentlich alle diese Detail-Fragen?
These: Vermutlich, weil ich mich für die nächste Mitgliederversammlung am 28.03.2021 angemeldet habe und dort wohl auch stimmberechtigt sein werde. Ich glaube, man sieht am Kontakte-Netzwerk des Users ima.team, wer 24 Stunden vorab Einblick in bestimmte Dokumente bekommt, und da bin ich auch bei. Aktuell sind das allerdings nur 44 Accounts, und die wohl nicht alles Personen. Keine Ahnung, wie viel mehr das noch werden und wie viele davon dann an der Versammlung auch teilnehmen. Es gibt derzeit wohl so ca. 1.250 zahlende Vereinsmitglieder (davon rund 57% in der EU und in keinem Land mehr als in Deutschland), und jeder davon, der mind. 16 Jahre alt ist und seine Identität nachgewiesen hat, ist teilnahmeberechtigt.

Was steht denn da auf der Agenda am kommenden Sonntag, und ist das irgendwie spannend?
These: Es ist der übliche Kram auf der Agenda wie Entlastung des Vorstands, Berichte von CEO, CFO und Kassenprüfer, Nachwahlen bestimmter Ämter, Satzungsänderungen, Veränderung von Mitgliedsbeiträgen, usw., und nein, es wird wohl nicht spannend werden. Aber was weiß ich schon. Ich hatte von den vergangenen Mitgliederversammlungen nichts mitgekriegt, denn ich hatte bei ipernity lange überhaupt nicht mehr geguckt.

Wie bin ich eigentlich jetzt in 2021 wieder auf ipernity gestoßen?
These: Ich hatte eine Plattform neben flickr gesucht, wo ich Einzelfotos hochladen kann, da ich bei flickr nur Alben hochlade. Und so hatte ich mich an ipernity erinnert. Ich finde es außerdem interessant, ob es möglich ist, so eine Plattform wie ipernity als ehrenamtliches Projekt dauerhaft am Leben zu erhalten. Vorstellen kann ich es mir nicht wirklich, weil alles, was sich nicht ständig neu erfindet, zwangsläufig stirbt, und es in ehrenamtlicher Tätigkeit und in vereinsrechtlichen Strukturen kaum möglich sein dürfte, so eine Plattform in Oberfläche und technischem Unterbau in dem erforderlichen Maße ständig neu zu erfinden, aber den Versuch finde ich trotzdem spannend, da er gemeinnützig und vollkommen nicht-kommerziell ist. Ich habe ipernity deshalb 2021 wieder in meine Kontakt-Seite eingetragen und auch ab und zu mal ein Einzelbild hochgeladen.

Wie geht es jetzt weiter?
These: Erstmal nehme ich jetzt an der Mitgliederversammlung teil. Außerdem lade ich weiter ab und zu einzelne Fotos dort hoch. Wahrscheinlich aber weiter nur neue Fotos und keine vom Handy, d.h. ich muss auch wieder mehr auf Fototouren gehen. Und dann schaue ich mal, was es heutzutage so für aktive Gruppen gibt. Es läuft ja auch gerade ein Projekt bei ipernity, die inaktiven Gruppen zu konsolidieren. Und ich werde mir meine eigenen alten Fotos bei ipernity mal anschauen. Wahrscheinlich ist das lauter gruseliges Zeugs, aber vielleicht auch nicht. Wenn nicht (also wenn ich das selbst nicht erkenne), dann habe ich mich offenbar nicht weiterentwickelt. 😉 Jedenfalls bin ich wie gesagt dankbar, dass es diesen Verein jetzt gibt. Vielleicht ist das goldene Zeitalter kommerzieller amerikanischer Plattformen wie flickr ja auch bald mehr oder weniger vorbei, und vielleicht ist so ein Vereinsansatz am Ende viel nachhaltiger, als ich heute denke.

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Männliche Schwundform

Beim Thema „geschlechtergerechte Sprache“ kommen Klugscheißer* oft mit Lektionen über Genus und Sexus. „Der Bürger“ sei grammatikalisch (Genus) männlich, bedeutungsgeschlechtlich (Sexus) aber neutral, und insbesondere würde das für „die Bürger“ gelten. Frauen und Männer seien damit beide gemeint und niemand bloß mitgemeint. Mindestens im Plural solle man also das generische Maskulinum („die Bürger“) verwenden, weil es sprachlich weniger holperig sei als „die Bürgerinnen und Bürger“. Diese Doppelform sei zudem eine frauenfeindliche sexualisierende Spaltung der Gesellschaft.

Diese Schlussfolgerung überzeugt nicht jede* Klugscheißerin*. Ihr Gegenargument ist, dass Genus und Sexus keine Rolle spielen würden, weil Denotation und Konnotation von „die Bürger“ eben definitiv nicht geschlechtsneutral seien. Es komme darauf an, was in den Köpfen der Leser* ausgelöst wird, also auf ihre Assoziationen und die Pragmatik der Begriffe und nicht auf deren formale Semantik. Das generische Maskulinum würde Frauen nicht nur sprachlich unsichtbar machen und damit ausgrenzen, sondern eben auch in den durch die Sprache ausgelösten Gedanken. Man müsse eine die Geschlechter explizit inkludierende Sprache praktizieren.

Während diese beiden Gruppen sich streiten, ist längst eine neue Ära angebrochen, in der Gender-Inklusion eine zweite Dimension bekommen hat, nämlich die Sichtbarmachung marginalisierter Geschlechter durch den Gender-Stern mit der Schreibweise „die Bürger*innen“. Beim Thema geschlechtergerechte Sprache muss man seitdem sowohl die antipatriarchale als auch die entmarginalisierende Zielstellung berücksichtigen. Die Schreibweisen BürgerInnen, Bürger_innen und Bürger:innen versagen beispielsweise in beiden Dimensionen. Zum einen (antipatriarchale Dimension) repräsentieren und manifestieren sie, dass Frauen etwas von der männlichen Grundform Abgeleitetes seien, und zum anderen (entmarginalisierende Dimension) reproduzieren und perpetuieren sie die Marginalisierung aller anderen Geschlechter.

Ein klassischer Ansatz, die antipatriarchale Zielstellung zu erreichen, ist die Verwendung des generischen Femininums, also „die Bürgerinnen“ zu sagen und damit alle zu meinen. Auf die Frage „Werden so nicht Männer diskriminiert?“ antwortete die Linguistin* Luise F. Push in einem im SZ Magazin veröffentlichten Interview [1] wie folgt: „Bullshit! Zumal die männliche Form im generischen Femininum vorhanden ist, in dem Wort »Lehrerin« steckt der »Lehrer« drin. Im Scherz rede ich von der weiblichen Grundform und der männlichen Schwundform. Aber beim Thema Geschlechtergerechtigkeit denke ich eher in Richtung Reparationen.“. Die Verwendung des generischen Femininums sei für sie* „kompensatorische Gerechtigkeit“.

Das generische Femininum könne auch mit dem Gender-Stern kombiniert werden, ohne dass „der Stern in der Mitte das Wort zerreißt“ und so, „dass die schöne feminine Anmutung nicht zerstört wird“, so Luise Push in jenem Interview. Konkret: „Mein derzeitiger Vorschlag, auch um die Wünsche der Queer-Community miteinzubauen, ist der Genderstern am Ende des Feminimums, also: Lehrerin*, Regentinnen*. Der Stern zeigt an, dass alle Geschlechter gemeint sind, weiblich, männlich, nicht-binär. Grammatisch funktioniert es wie das generische Maskulinum, ohne Doppelformen, Schrägstriche und sonstige Verrenkungen.“

Ich habe das in diesem Blogeintrag mal versucht, anzuwenden. Im Singular würde ich den Stern allerdings auch an die Pronomen anhängen (Die Autorin* hat ihr* Buch vorgestellt.), und im Plural wäre mir das „innen“ zu sperrig (Die Autoren* haben ihr Buch vorgestellt.). Im Plural erscheint mir die männliche Schwundform vor dem Stern auch weniger ein Problem zu sein, da ja der Artikel (die) und die Pronomen (ihr, ihre) auch dann immer noch weiblich sind. Wichtig ist mir, dass die Autorenschaft im Singular ohne eine Geschlechtszuschreibung formuliert wird. Ich habe bisher z.B. immer „die Autor*in“ geschrieben, auch wenn ich einen einzelnen konkreten Mann meinte, was sich aber komisch anfühlte. „Die Autorin*“ wirkt da viel natürlicher. Ich finde, Luise Push hat da einen guten Vorschlag gemacht.

Zum Abschluss noch eine persönliche Anekdote: Die Diplomprüfungsordnung, nach der ich vor 30 Jahren Informatik studiert habe, war damals komplett im generischen Femininum formuliert. Die zuständige Senatorin* in Bremen hatte diese in der ersten Fassung nicht genehmigt, weil sie* ein Mann war. In der zweiten Fassung war deshalb „die Senatorin“ durch „die senatorische Behörde“ ersetzt worden (und alles andere im generischen Femininum belassen), was die Senatorin* dann akzeptierte. Hätte man damals schon einen Gender-Stern angehängt („die Senatorin*“), wäre diese Iteration wohl nicht notwendig gewesen.

Übrigens gab es damals nicht nur noch keinen Gender-Stern, sondern auch noch keine sog. „neutralen Schreibweisen“ wie z.B. „der/die Studierende“. Ich war prüfungsamtlich „eine Studentin“ und hatte mich darin auch wiedergefunden, weil ich gemeint war. Auch heute würde ich Studentin* gegenüber Student*in bevorzugen, weil Letzteres doch wieder die männliche Grundform normalisiert. Der Begriff „der/die Studierende“ lässt sich allerdings auch mit „die Studierende*“ nicht retten, weil das semantisch eine Tätigkeitszuschreibung ist. „Da sitzt eine Studierende*.“ bedeutet, dass da eine* sitzt, die* in dem Moment gerade studiert, während „Da sitzt eine Studentin*.“ bedeutet, dass da jemand* sitzt, der* an der Lehranstalt eingeschrieben ist.

Ich möchte daher abschließend nochmals den Vorschlag von Luise Push loben, also Doppelform und neutrale Schreibweisen zugunsten des generischen Femininums zu meiden, sowie den Gender-Stern anzuhängen anstatt ihn zur Verfestigung der männlichen Schwundform zu missbrauchen. Mit ihrem* Vorschlag werden nicht nur alle Ziele von Gleichstellung und Gender-Inklusion erreicht, sondern ganz viele Probleme anderer Vorschläge gelöst.

[1] »Unsere Grammatik widerspricht dem Grundgesetz« (Süddeutsche Zeitung Magazin, 22.12.2020)
https://sz-magazin.sueddeutsche.de/wissen/luise-pusch-interview-linguistik-89651

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Die Grenze des Erträglichen

Ich wurde gebeten, diesen Text zu kommentieren. Ich habe es versucht, aber ich finde keinen Ansatz. Der Text versprüht in fast jedem Satz die Intellektualität einer BILD-Leser*in und die Kultur einer AfD-Wähler*in. Und damit komme ich einfach nicht klar. Fast alles im Text ist inhaltlich falsch, meist bis ins extremste Gegenteil des Faktischen verkehrt. Es wimmelt von Vorwürfen und Opfererzählungen. Schuld sind natürlich die Regierung und vermeintlich offene Grenzen. Personen werden als „Antimenschen“ diffamiert und „einen Virologen, der sich für den einzig fähigen in diesem Land hält und andere Meinungen beiseite wischt als wäre er allwissend“, greift die Autor*in an, weil dessen Wissen (!) ihrer Meinung (!) widerspricht. Sagen darf man heutzutage natürlich auch nichts mehr („Es werden noch Zeiten kommen, in denen eigene Gedanken einen Strafbestand darstellen.“), und weil das so ist, wiederholt man gleich noch ein weiteres Mal, „das wir uns nach Kriegsende zu keinem Zeitpunkt mit einer unfähigeren Regierung herumrumschlagen mussten“. „Fast ein ganzes Jahr lang werden wir nun mit diesem Wort, diesem Virus, fast in den Wahnsinn getrieben. […] Auf die Worte Corona und Pandemie habe ich bewusst verzichtet“, schreibt die Autor*in. Ach ja, und wenn man Impfgegner „Verweigerer“ nenne, dann sei „die Grenze des Erträglichen erreicht“. Sorry, nein, für mich ist die Grenze des Erträglichen mit so einem Text erreicht.

Soweit meine erste Reaktion. Offensichtlich waren da Trigger im Text, auf die ich angesprungen bin. Der Fairness halber will ich aber auch versuchen, den Text zu verteidigen. Einfach um zu sehen, ob das gelingt.

Wenn ich gebeten werde, einen Text zu kommentieren, frage ich mich als Erstes, was das für ein Text ist. Ist es z.B. ein Rant, dann ist eigentlich erstmal alles erlaubt, ohne dass es mir missfällt. Es ist halt ein Rant, und damit eine bestimmte Ausdrucksform, mit der sich nicht unbedingt die Autor*in als Person, aber auf jeden Fall bestimmte konstruierte Gedanken erstmal mindestens gefühlt unkontrolliert einfach nur Luft verschaffen sollen. Was ich sagen will: Bei einem Rant darf man der Autor*in zunächst auch dann Seriösität und Respekt unterstellen, wenn man im Text das Gegenteil vorfindet. Auch ein humorfrei und als Zumutung gestalteter Rant ist für mich legitim. Die Freiheit der Ausdrucksform finde ich einfach wichtig und das Empfinden der Leser*innen, auch mein eigenes, demgegenüber nachranging.

Aber Rants dürfen trotzdem nicht alles, wenn ich sie zumindest von der Form her akzeptieren soll. Mehr als nur unschön finde ich auch bei Rants z.B. kontextlose willkürliche Beschimpfungen gegen Personen, Ämter oder Institutionen, sowie das Verschmieren von „Meinungsäußerungen“ mit Falschinformationen und Unsinnsprojektionen. Gerade bei letzterem Punkt muss ich mich zwar immer auch an die eigene Nase fassen, denn weder die Deutungshoheit darüber, was „falsch“ ist, noch darüber, was „Unsinn“ ist, liegt ja allein bei mir, aber Informationen und Projektionen sind dennoch etwas anderes als Meinungen. Denn anders als bei Meinungen kann man objektiv untersuchen, wie sie zustande kommen.

Was ich damit meine ist Folgendes: Wir alle lesen und hören Dinge und entnehmen dem Informationen und Inspirationen. Wir alle übernehmen diese nicht blind, sondern benutzen Filtermechanismen, mit denen wir z.B. die Quelle bewerten oder die Rhetorik beurteilen oder den Inhalt analysieren und bestimmen dann durch unser eigenes Denken, wie die Informationen unser Wissen verändern und wie die Inspirationen unsere Meinung beeinflussen. Wir alle sind außerdem emotionale und soziale Wesen, die als Verarbeitungs- und Erklärungs-Mechanismus gerne prominente Personen als Projektionsfläche verwenden.

Und im Grunde ist das ein Zyklus, denn dieses „unser eigenes Denken“ wird ja wiederum dadurch bestimmt, welche Informationen wir in der Vergangenheit an unser Wissen herangelassen haben und welche Inspirationen unsere Meinung beeinflussen durften. Es sind also unsere Filter- und Verarbeitungs-Mechanismen, die auf lange Sicht letztendlich unser pseudofaktisches Wissen und unsere Einschätzung von Personen gestalten. Was wir an äußeren Impulsen filtern und was an inneren verarbeiten wird aber geprägt durch unseren sozialen Umgang, durch die Kultur unseres Umfelds. Wer wir sind — für uns selbst und für andere — bestimmt somit unser Wissen, unsere Meinung und unsere Sicht auf Personen und Ereignisse.

Wenn ich also gebeten werde, einen Text zu kommentieren, dann berücksichtige ich diese Zusammenhänge, indem ich mir immer wieder explizit klar mache, dass Wissen, Projektionen und Meinungen verschiedene Dinge sind, und dass Unterschiede in Wissen und Projektionen viel gravierender sind als unterschiedliche Meinungen, weil sie letztendlich bedeuten, dass sich die Filter- und Verarbeitungs-Mechanismen unterscheiden. Wenn Wissen und Projektionen auseinandergelaufen sind, nimmt man oft Lüge und Hass wahr, wo es gar nicht ist. Man muss vor allen Dingen sich selber sehr davor hüten, dies anderen zuzuschreiben, und sich klarmachen, dass nicht die unterschiedlichen Informations- und Inspirations-Quellen das Problem sind, sondern unsere unterschiedliche Prägung.

Langer Rede kurzer Sinn: Es gilt, die Nachvollziehbarkeit des Textes zu prüfen. Wie instrumentell agiert die Autor*in? Und wie expressiv? Wie ehrlich also ist das Ganze? Denn genau an dieser Stelle finden wir den Unterschied zwischen der AfD und ihren Opfern.

Ich halte die Autor*in des Textes für ehrlich. Und für ein Opfer. Falls ich mich fragen sollte, ob ich hier was tun kann, dann wäre die Antwort also nicht, den Graben tiefer zu ziehen, sondern Brücken zu schlagen. Dazu bräuchte ich aber ein Medium, das die emotionale Distanz verkleinert und die Kommunikationsbandbreite erhöht. Anders gesagt: Ich würde mich gerne persönlich treffen und locker abhängen. In Zeiten heftigst grassierender Covid-Pandemie sind die Gelegenheiten dazu aber leider komplett verschwunden, und dass sowas auch digital geht, habe ich noch nicht erlebt. Ich kann also erstmal nichts machen.

Schon doof, dieses Corona. Und da sind wir uns wahrscheinlich sogar alle einig.

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Wokeness

Das Urban Dictionary definiert „woke“ ziemlich genau so, wie ich es verstehe, nämlich als schwere, radikale und absolute Wahrnehmungsstörung bei gleichzeitig empfundener Erleuchtung und dadurch bedingtem Gefühl eines höheren Zugangs zu einer befreienden Wahrheit, verbunden mit überheblicher und anmaßender Beurteilung sozialer Belange.

„Deluded or fake awareness“ heißt es dort in den Definitionen, bis hin zu „Woke is a politically correct alternative to ’stupid‘ or ‚retarded'“. Außerdem etwas präziser noch „The act of being very pretentious about how much you care about a social issue“, und — wie ich finde am passendsten — „Being ‚Woke‘ is what happens when instead of taking one blue pill, you down the entire bottle.“ in Anlehnung an Morpheus in The Matrix, der Neo eine „red pill“ (perception of reality) und eine „blue pill“ (prison of ignorance) anbietet.

Ich verstehe den Begriff „woke“ dehalb so, wie es die englischsprachigen Nutzer im Urban Dictionary definieren, weil er auch in meiner deutschen Twitter-Bubble (wo ich ihn gelernt habe) genau so verwendet wird. Im Artikel Die Feinde des Liberalismus (Paywall) wendet die ZEIT ihn nun auf „Wach- oder Bewusstheit, im Rassen- und Kulturkampf“ an. Der Artikel legt dar, warum die Deplorables wegen der Wokeness der US-Linken „Trump zugelaufen sind“ und „Hillary Clinton 2016 den Wahlsieg gekostet haben“.

Wokeness ist tatsächlich eine Seuche in Amerika, ähnlich wie der Postmodernismus (ich schrieb darüber in PoMo-Twitter), und auch ich hatte damals zwar die Republikaner dafür verantwortlich gemacht, dass sie Trump als Präsidentschaftskanditaten aufgestellt haben, aber eben die abgehobene US-Linke dafür, dass Trump gewählt wurde. Auch der genannte ZEIT-Artikel spricht von „Amerika, die westliche Postmoderne überhaupt“, das unter der „Fuchtel des Jakobinismus“ steht und in dem eine „Ideologie der Intoleranz“ vorherrscht.

Wer in den letzten Jahren die Medien verfolgt hat, weiß dass das keine Übertreibung ist. Jeden Tag werden dort durch Wokeness und „canceling“ Existenzen vernichtet. Trump war seine ganze Amtszeit hindurch immer das kleinere Problem. Er hat nur die rechten Identitären gestärkt. Die Spaltung der Gesellschaft war durch die linken Identitären längst gegeben. Liberaldemokratischen Humanismus gibt es in den USA schon lange nicht mehr.

Der Artikel Wie soll man sagen? (auch Paywall) in der Süddeutschen nimmt Bezug auf diesen ZEIT-Artikel von @josef_joffe und zitiert dessen „moralische Vernichtung wegen Falschdenk“, ohne näher darauf einzugehen. Er erklärt dann den Begriff „BPoc“ als „Selbstzuschreibung“ von Menschen mit Rassifizierungserfahrung, sagt aber nichts zum Kern des ZEIT-Artikels, dem „Zwang zur Selbstbezichtigung“ bei Weißen. „Schwarze sind auf ewig Opfer, Weiße auf ewig schuldig.“ heißt es dort, und „‚Wokeness‘ signalisiert Kollektivschuld ohne Ausweg“.

Stattdessen schreibt @jhaentzschel zum BPoc-Begriff „Signifikant und Signifikat stehen bei diesem Begriff, anders als bei Katze oder Apfel, in einer variablen Beziehung, sie sind abhängig von persönlichen Erfahrungen.“

Katze oder Apfel.

Damit hat er mich abgehängt. Aber auch der ZEIT-Artikel übertreibt: „‚White male privilege‘ ist der Inbegriff des Bösen, ‚Rassist‘ die Verdammnis, die keinen Beleg erfordert. ‚Critical Whiteness‘ ist eine akademische Disziplin, die sich kaum von Indoktrination trennen lässt. Ein Weißer sei lebenslang gebrandmarkt – wie einst der Sklave im Baumwollfeld. Erlösung gibt es nicht.“

Ja, das ist woke. Und pomo. Und identitär. Aber das in dieser Form so plakativ anzuprangern, ist rassistisch. Mich zumindest erinnert das an das Hashtag #rassismusgegenweisse, das heute schon wieder an der Spitze der Twitter-Deutschlandtrends stand. Wo dann wieder alle nochmal sagen, dass es das nicht gibt. Und Nazis, dass doch.

Im Feuilleton der F.A.S. übrigens (hab‘ keinen Link, weil Print) war die S. 35 heute das „Glossar des richtigen Sprechens“.

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PoMo-Twitter

Zwei Videos habe ich zuletzt geguckt: #Bauerfeind nervt — mit Nuhr, Schubert und Schabl vom 26.11.2019 und #Rezo spielt „KISS 💦 MARRY 💍 K1LL ☠“ vom 17.11.2019. @fraubauerfeind nervt sonst eigentlich nicht (hier war sie allerdings mal echt unerträglich), und zur Zielgruppe von @rezomusik gehöre ich sonst… gar nicht. Aber um diese Leute oder deren Videos (für die Älteren: deren „Sendungen“) geht es mir hier nicht. Sondern um den Begriff „PoMo-Bubble“.

Von dem „Shitstorm“ um das #Rezo-Video hatte ich durch @watch_union erfahren und von dem #Nuhr-Interview bei Bauerfeind zum Greta-„Shitstorm“ gegen ihn von @DasErste. Beide Shitstorms fanden nicht in ganz Twitter statt (und spiegelten damit ein gesellschaftliches Ereignis wider oder stellten es selber dar), sondern nur in dessen „PoMo-Bubble“. Sagen die bei Twitter. Und so komme ich auf diesen Begriff.

Ich kannte den Begriff „PoMo-Bubble“ nicht. Bin ich selbst in dieser Bubble? Nun, ich gehöre zwar zu den (offenbar recht vielen) Leuten, die @dieternuhr für ein reaktionäres Arschloch halten, und das ist auch nach dem Bauerfeind-Interview immer noch so, allerdings hatten mich gerade seine Greta-Witze genauso wenig angetriggert wie Rezos 💦💍☠-Video. Offenbar gehöre ich also eher nicht zu PoMo-Twitter.

Was „PoMo-Twitter“ eigentlich sein soll, wird mir bei Twitter auch erklärt: Es sei „ne radikale Bubble“, die es

  • „irgendwann aufgegeben hat, mit anderen Leuten wie mit Menschen zu sprechen“
  •  „oder überhaupt sowas wie Argumente zu benutzen“, und deren Gewohnheit es sei, auf
  • „eine sehr asoziale Art“
  • „auf jeden direkt aus allen Rohren zu feuern, der ihnen bei irgendwas widerspricht (selbst wenn’s nur eingebildet ist)“. Es seien Leute,
  • „die alles dekonstruiert sehen wollen, mit dem sie sich nicht selbst identifizieren“, und für die
  • „die Vorstellung der sozialen Konstruktion durch Sprachakte“ zentral sei, und bei denen sich alles Denken und Handeln
  • „gegen ‚Privilegierte‘ richtet“.

Aha, dachte ich. Also so Leute wie die, die z.B. Dreadlocks bei Weißen für „kulturelle Aneignung“ und „Fortschreibung von kolonialistischem Rassismus“ halten und sich in Threads z.B. über #Rackete ereifern, weil sie ihre Privilegien nicht ordentlich gecheckt habe und mit ihrer Frisur sämtlichen People of Color das „Reclaimen des eigenen Körpers“ verweigere. Von solchen Leuten ist meine Timeline aber in der Tat voll. Leute, denen man nicht mit einem Gegenargument kommen darf, weil man damit „ihre Erfahrungen negieren“ würde. Also stecke ich doch tief im PoMo-Twitter?

Dieses „PoMo“ soll wohl für „Postmodernismus“ stehen, und dazu hat mich bisher auch keiner abgeholt. Aber Twitter gibt mir auch da Links: Eine wirklich lesenwerte Abhandlung über PoMos ist z.B. Wie der Postmodernismus die Aufklärung abwickelt (engl. Fassung: How French “Intellectuals” Ruined the West: Postmodernism and Its Impact, Explained). Ich musste sie allerdings zweimal lesen, und sehe mich außerstande, sie auf gleichem Niveau zu kommentieren. Ich habe daher erstmal nur versucht, mir einige Eckpunkte daraus zu notieren:

Postmodernismus sei demnach eine Denkweise

  • die die Existenz objektiver Wahrheiten leugnet und persönliche oder kulturelle Wahrheiten oder „Fakten“ als „gelebte Erfahrungen“ über empirische Nachweise stellt.
  • die wissenschaftlichen Konsens und liberale Ethik für autoritär und dogmatisch hält und Wissen als ein direktes Produkt von Macht betrachtet.
  • die Sprache mit Gewalt gleichsetzt, und den universalistischen Liberalismus mit Unterdrückung.
  • die den Anspruch der Wissenschaft, objektives Wissen erlangen zu wollen, als eine Form westlich-bourgeoiser Ideologie bezeichnet.
  • die dem liberalen Humanismus vorwirft, lediglich westliche, männliche Mittelschichtserfahrungen universalisieren.
  • die die Werte der Aufklärung als naiv, totalisierend und repressiv betrachtet, weswegen eine moralische Notwendigkeit bestehe, diese zu zerschlagen.
  • die die Intention einer Redner*in für weniger wichtig hält als die Rezeption, egal wie weit hergeholt die Interpretation der Aussagen ist.
  • die Verweise auf die Identität von Personen über vernunftbasierte Argumente stellt.
  • die allerlei Mantras frönt, z.B. es gebe keinen umgekehrten Rassismus, und dass allein unsere Identität bestimmt, wie wir die Welt sehen.
  • die von der zerstörerischen Wirkung von „Mikroaggressionen“ ausgeht, aber eigentlich bloß überempfindlich auf Sprache reagiert.
  • in der Mitmenschlichkeit und Individualität nahezu gänzlich fehlen und durch Wut ersetzt wurden.

Fakten als „Glaubenssatz unserer Kultur“, Wissenschaft als etwas „Eurozentrisches, Maskulinistisches und Militaristisches“ und „nur eine von vielen Möglichkeiten, die Welt zu verstehen“, Identitäts- statt Vernunftspolitik, erkenntnistheoretischer Relativismus und absolute Feindseligkeit gegenüber argumentativem Diskurs. Und das frei geäußerte Wort als die wirklich allergrößte Gefahr. Das alles sei der Postmodernimus. Oder wie Twitter es formuliert (auch hier im Zusammenhang mit #Rezo und der „PoMo-Bubble“): ‚Postmodernismus. Äußert sich auf Twitter in „Identität über Argument“ – Debatten der Form „Du als weißer Mann…“ und pauschalem Verwerfen von Wissenschaft etc. Als „Unterdrückung“. Häufig ist auch das Wort „Mikroagression“.‘

Ist das mein Twitter? Ja, auch. Aber ist das meine Bubble? Ganz klar nein. Ich würde PoMos wegen ihres Autoritarismus auch als Gewalttäter*innen empfinden und zügig entfolgen. In dem o.g. Text über den Postmodernismus heißt es „Für die eigene repressive Macht haben postmoderne Akademiker und Aktivisten kein Bewusstsein.“. Mein Eindruck ist, dass das stimmt. PoMos, so heißt es dort weiter, „bilden die Basis heutiger Protestkulturen, untergraben die Glaubwürdigkeit der Linken und drohen, uns in eine tribalistische, prä-moderne Ära zurückzuwerfen“. Das wiederum finde ich reichlich überdramatisiert, wenn man bedenkt, dass PoMos einfach nur Bekloppte sind. Sollen sie sich in ihrer „PoMo-Bubble“ doch weiter austoben. Man kann das einfach ignorieren.

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Keine Zeitumstellung ist ein Einhorn

Dieses Blog verwaist. Der letzte Eintrag ist ein Jahr alt.

Auch inhaltlich fällt das sofort auf, denn „Die nächste Landtagswahl“ (so der Titel des letzten Eintrags) in Bremen ist lange vobei. Danach waren schon Landtagswahlen in Brandenburg und Sachen, und heute ist schon wieder eine. In Thüringen.

Heute ist auch Zeitumstellung. Und da ich über Thüringen nichts weiß, schreibe ich halt was über die Zeitumstellung. Nicht über die konkrete (von Sommerzeit auf Winterzeit), sondern über das allgemeine Thema der Abschaffung der Zeitumstellung. Mich erinnert das Thema ja schon lange stark an den Brexit, und deswegen komme ich auch drauf. (Und ja, auch weil heute Zeitumstellung ist und weil mein Blog mir einfiel, weil heute Landtagswahl ist.)

Also: Der Titel „Keine Zeitumstellung ist ein Einhorn“ soll natürlich an das Brexit-Mem mit dem Einhorn und dem Pony erinnern. Denn die Abschaffung der Zeitumstellung ist wie der Brexit: populistisch und wahnhaft zugleich, aber man kriegt es nicht hin, das Thema zu beerdigen, obwohl sich längst herausstellt hat, dass es schlichtweg nicht geht.

Eigentlich, so fällt mir gerade ein, habe ich dazu am 02.02. (also vor knapp 9 Monaten) schon mal was geschrieben. Ich hatte mich zu Facebook verirrt und gesehen, wie ein Freund mit Status „is feeling disappointed“ schrieb „… Zeitumstellung-Abschaffen“. Da muss wohl gerade die Meldung rumgegangen sein, dass das erstmal nix wird, und ich hatte den Anfall, das zu kommentieren. (Verlinken kann ich das hier nicht, denn es war nicht öffentlich.)

Ich schrieb dort:

Dein „feeling disappointed“ ist verständlich, denn es gab ja mal den Junckerschen Vorstoß, dass nächsten Monat die letzte Zeitumstellung sein sollte. In Deutschland wünschen sich das auch viele, und die sind nun entsprechend enttäuscht. Aber die Zeitumstellung ist eben kein deutsches, sondern ein europäisches Ding. tagesschau.de schrieb deshalb zu recht dazu im Oktober im Artikel „Juncker in der Populismus-Falle“ im Schluss-Satz „Juncker ist mit Anlauf in seine eigene Falle getappt. Er hat schlicht das Gespür für die Menschen in Europa verloren.“.

Und in der Tat ist das Problem nämlich dies: Derzeit stellen alle Länder in allen drei europäischen Zeitzonen in der gleichen Sekunde auf Sommerzeit und zurück, wodurch die Zeitzonendifferenz zwischen den Ländern zeitunabhängig ist. Wenn das so bleiben soll, müssten alle Länder die Zeitumstellung abschaffen, was wiederum aber nur möglich ist, wenn zugleich die heutige große zentraleuropäische Zeitzone zerschlagen wird, weil sonst einige Länder ihre Sommerabende verlören oder andere im Winter eine düstere erste Schulstunde bekämen. Unter der Rahmenbedingung der zeitunabhängigen Zeitzonendifferenz wird die heutige große zentraleuropäische Zeitzone nur durch die Zeitumstellung ermöglicht.

Die Abschaffung der Zeitumstellung ist trotzdem noch nicht ganz vom Tisch, denn erstmal heißt es offiziell nur „mindestens fünfmal noch“, also noch fünf garantierte Umstellungen bis einschließlich auf Sommerzeit 2021. Danach will man dann nochmal gucken. Dass eine Neuordnung der Zeitzonen bis 2021 politisch gelingt, ist auch grundsätzlich möglich, aber eben nicht sehr wahrscheinlich, weil hier die zwar erheblichen, aber nicht so direkt spürbaren Interessen der Bürger*innen (Zeitzonen erhalten) im Konflikt mit den unmittelbar spürbaren Interessen der Bürger*innen (Zeitumstellung abschaffen) stehen und man sämtliche europäischen Länder dazu bringen müsste, eine populistische aber dumme — und zu allem Ärger auch noch gemeinsame — Entscheidung zu treffen. Ein bisschen wäre das wie beim Brexit. Die beste Lösung war schon vorher da, und eine schlechtere zu verhandeln scheitert daran, dass es eigentlich niemand will.

Aber wie gesagt: Vom Tisch ist die Abschaffung offiziell noch nicht. Nur wirklich schwierig dürfte es werden, denn es gibt ja auch Länder, die aus sehr nachvollziehbaren Gründen die Zeitumstellung allein schon für sich — also nicht bloß aus europäischer Zeitzonen-Sicht — unbedingt behalten wollen. Da eine Aufgabe der zeitunabhängigen Zeitzonendifferenz aber undenkbar ist, würde es schon allein daran scheitern. Aber auch einige der anderen Länder würde es zerreißen, wenn es daran ginge, sich die neue Zeitzone auszusuchen. Nur bei wenigen ist es so klar wie in Deutschland, das die Sommerzeit behalten würde. Glücklich würde am Ende aber sonst kaum jemand. Und deshalb glaube ich, dass auch 2021 nicht das Ende der Zeitumstellung kommt. Es ist eben wirklich wie beim Brexit: Es ist nicht falsch, danach zu rufen, ohne zu wissen, wie das gehen könnte. Aber man muss es auch lassen, wenn sich herausstellt, dass es eben wirklich nicht geht.

Meine damalige These, „dass auch 2021 nicht das Ende der Zeitumstellung kommt“ scheint sich inzwischen (wenig überraschend) zu bestätigen. Die Belege dafür habe ich mangels Motivation und/oder Disziplin nicht gesammelt, aber zumindest eine Quelle fällt mir ein: Vor ein paar Tagen twitterte der Brüssel-Korrespondent des ZDFs Stefan Leifert „Vorschlag für Abschaffung 2021 fand keine Mehrheit“ und „Vorhaben könnte auch noch komplett scheitern“. Die Quelle ist einigermaßen seriös, und die Aussage, dass die Abschaffung 2021 nicht kommt, steht nicht im Konjunktiv.

Dass die Abschaffung gar nicht kommt, haben weder Leifert noch ich je behauptet, und vielleicht gibt es ja doch Einhörner. Letztendlich sind Einhörner ja auch was Schönes. Ich möchte Zeitumstellung statt Brexit. Und Einhörner.

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Die nächste Landtagswahl

Die nächste Landtagswahl in Deutschland ist die Bürgerschaftswahl in Bremen am 26. Mai 2019. Da werde ich stimmberechtigt sein.

Am selben Tag wird auch die Wahl zum Europäischen Parlament und zur Stadtverordnetenversammlung Bremerhaven sowie den Bremer Beiräten stattfinden. Das sind vier ganz unterschiedliche Ebenen, aber alle werden sie wohl von der Bundespolitik beeinflusst werden.

Den Einfluss der Bundespolitik sah man auch in den Landtagswahlen, die in Bayern und Hessen jetzt gerade stattgefunden haben. Dort sind die Ergebnisse noch gar nicht bekannt, aber zumindest die vorläufigen amtlichen Endergebnisse und zu welcher Sitzverteilung diese führen würden. Schaut man sich ebendiese Sitzverteilung an, so hat sich trotz des Einflusses der Bundespolitik in den Ländern aber doch nicht viel geändert:

  • In Bayern muss die CSU (101-16 Sitze) zwar nun mit den FW (19+8 Sitze) koalieren, aber zusammen haben die mit 54,6% Sitzanteil (112/205) — statt bisher 66,7% (120/180) — immer noch die Mehrheit. Zwar nicht mehr so deutlich, aber trotzdem ändert sich im Prinzip nichts, da die FW inhaltlich kaum einen Deut anders als die CDU sind.
  • In Hessen kann die CDU (47-7 Sitze) weiter mit GRÜNE (14+15 Sitze) regieren, obwohl die Mehrheit von 55,5% Sitzanteil (61/110) auf 50,4% geschrumpft ist (69/137). Verantwortlich sind hier die GRÜNEn, die sich in Hessen in den Sitzen mehr als verdoppelt haben.
  • Auch in Bayern haben sich GRÜNE in den Sitzen mehr als verdoppelt (18+20). Dort sitzen sie allerdings weiterhin bei der SPD (42-20 Sitze) mit zusammen 29,3% Sitzanteil — statt bisher 33,3% — in der Opposition. DIE LINKE ist weiterhin draußen, so dass für grün-rot-rot in Bayern 43 Sitze fehlen würden.
  • In Hessen kommt grün-rot-rot dank DIE LINKE (6+3 Sitze) immerhin auf einen Sitzanteil von 48,9%, d.h. dort fehlen nur 2 Sitze zu einer Mehrheit jenseits von CDU und FDP (6+5 Sitze).
  • Ansonsten sind in Bayern noch FDP (0+11 Sitze) und AfD (0+22) zur Opposition hinzugekommen mit zusammen 16,1% Sitzanteil. Inhaltlich sind die beide auf jeweils ihre Art das Gegenteil von grün-rot-rot und verstärken eher das Problem CSU.
  • Wie in Bayern liegt auch in Hessen GRÜNE vor der SPD (37-8 Sitze). Die SPD ist in Hessen drittstärkste und in Bayern fünftstärkste Kraft geworden. Selbst die AfD hat in Bayern mehr Stimmen als die SPD geholt. In Hessen hat die SPD immerhin noch 10 Sitze mehr geholt als die AfD (0+19). Die SPD ist aber in Hessen traditionell stark.

Ich spreche hier wiederholt von „grün-rot-rot“, weil das eben den Einfluss der Bundespolitik ausdrückt: Die Grünen haben die SPD als stärkste Kraft nach der Union verdrängt. Aber einen Gegenpol zur Union gibt es nun gar nicht mehr. Und dass dieser Gegenpol fehlt, hat Effekte:

  • Die Unionsparteien werden (von der AfD getrieben) rechter, und GRÜNE werden (von der FDP und den Unionsparteien getrieben) neoliberaler und konservativer.
  • Die Parlamente werden damit insgesamt rechter, neoliberaler, konservativer und grüner. Außerdem werden sie teurer. In Bayern gibt es jetzt z.B. nun 14% mehr Abgeordnete und in Hessen sogar 25% mehr. Und einige davon sind Reaktionäre.
  • Ein Regieren gegen die Unionsparteien wird zunehmend unmöglich, d.h. auch die Regierungen werden rechter, neoliberaler, konservativer und grüner. Und so lange sich DIE LINKE mit Wagenknecht bei den AfD-Wählern anbiedert und die SPD mit Nahles (und einigen anderen) selber hinrichtet, wird sich dieser Trend auch weiter verschärfen.

Es ist wohl kein Geheimnis, dass ich persönlich einen links-grün-progressiven Trend wünschenswert und einen rechts-neoliberal-reaktionären Trend bekämpfenswert fände bzw. finde. Insofern freue ich mich, dass zumindest die Reaktionären und Neufaschisten in den Parlamenten immer noch isoliert sind. Aber Konsequenzen hat ihr Einzug natürlich dennoch, denn grün-rot-rot wird immer nicht nur mit dem desolaten Zustand von rot und rot zu kämpfen haben, sondern auch mit der Erfordernis, Mehrheiten nun nicht nur gegen CDU, CSU und FDP organisieren zu müssen, sondern immer auch mit gegen die AfD. Und das könnte durchaus nie wieder gelingen. Mit der Hoffnung auf eine irgendwann kommende links-grün-progressivere Zeit steht es gerade nicht zum Besten.

Die nächste Landtagswahl ist wie gesagt in Bremen. Dort zumindest könnte es klappen. Bis zum 26. Mai wird noch viel Bundespolitik durch die Medien rauschen, aber in Bremen wird vielleicht weiterhin gegen CDU, FDP und AfD regiert werden können. Wir werden sehen, was kommt. Meine Stimme werde ich abgeben. Nur eines ist mir völlig klar: Bremen ist nicht Deutschland. Und mit dem Abgang von Merkel wird Deutschland deutlich schwärzer.

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Über das Display des iPhone X🅁

Das Display des iPhone X🅁 sei ja soo schlecht!

Diese Aussage liest man derzeit hier und da im Netz, obwohl das iPhone X🅁 erst heute in drei Tagen (am 26.10.2018) erstmals erhältlich sein soll, d.h. niemand von den Display-Kritikern kann jemals auf das Display des Gerätes geschaut haben.

Festgemacht wird diese Kritik an der LCD-Technik und an der Auflösung von „nur“ 828 x 1792 Pixeln, also allein von der Theorie her. Und — wie ich glaube — von einer missverstandenen Theorie her.

Denn ich glaube — ebenfalls von der Theorie her — dass das ein ziemlich gutes Display sein könnte. Auch und gerade im Vergleich zum Full-HD-Display des iPhone 8 Plus und zum OLED-Display des iPhone X🅂 Max.

Um das zu begründen, hier zunächst die kleinstmögliche Menge von „Theorie“ über ein Smartphone-Display aus Sicht des Anwenders.

Vorab aber: Warum ist das überhaupt relevant? Nun, ich habe noch nie im Leben ein iPhone besessen, und das ist ebenfalls nicht relevant. Diese Frage ist einfach blöd und will ignoriert werden. Ich komme damit jetzt direkt zur kleinstmöglichen Menge von „Theorie“.

Als Anwender eines Smartphones kann man drei Dinge direkt sehen:

  • den Platz für Apps: Wieviel Platz haben die Apps um sich auf dem Bildschirm auszubreiten?
  • die Größe der Darstellung: Wie groß werden die dargestellten Objekte der Apps dem Anwender angezeigt?
  • die Schärfe der Darstellung: Wie brilliant werden die Objekte dem Betrachter präsentiert?

Für speziell iPhones möchte ich diese drei Dinge im Folgenden kurz aufschlüsseln. Weil ich es kann.

Platz für Apps

Der Platz für Apps wird in Points gemessen. Bei iOS 12 gibt es drei Platzbreiten:

  • 320 points (iPhone SE)
  • 375 points (iPhone 8, iPhone X🅂)
  • 414 points (iPhone 8 Plus, iPhone X🅁, iPhone X🅂 Max)

Und es gibt fünf Platzhöhen:

  • 568 points (iPhone SE)
  • 667 points (iPhone 8)
  • 736 points (iPhone 8 Plus)
  • 812 points (iPhone X🅂)
  • 896 points (iPhone X🅁, iPhone X🅂 Max)

Es gibt deshalb mehr Höhen als Breiten, weil es zwei unterschiedliche Display-Formate gibt:

  • die klassischen 16:9-Displays (iPhone SE, iPhone 8, iPhone 8 Plus)
  • die schmaleren Displays mit knapp 19,5:9 (iPhone X🅂, iPhone X🅁, iPhone X🅂 Max)

Größe der Darstellung

Die Größe der Darstellung wird in Points-per-inch gemessen. Es gibt bei iPhones zwei Darstellungsgrößen:

  • 163 points-per-inch (iPhone SE, iPhone 8, iPhone X🅁)
  • 153 points-per-inch (iPhone X🅂, iPhone 8 Plus, iPhone X🅂 Max)

Bei den Letzteren werden die dargestellten Objekte der Apps dem Anwender also etwas größer angezeigt.

Schärfe der Darstellung

Die Schärfe der Darstellung wird in Pixel-per-inch (ppi) gemessen. Und nun muss ich kurz überlegen, wie ich das so erkläre, dass es möglichst kompakt und trotzdem klar ist.

Bei den normalen iPhones, also denen mit 163 points-per-inch Darstellungsgröße, finden wir ein sog. „2x scaling“ auf 326 ppi. Je nach Displaygröße führt das dann zu den folgenden Auflösungen:

  • 640 x 1136 pixels (iPhone SE)
  • 750 x 1334 pixels (iPhone 8)
  • 828 x 1792 pixels (iPhone X🅁)

Bei den „unnormalen“ iPhones, also bei denen, die alles etwas größer darstellen, finden wir ein sog. „3x scaling“ auf 458 ppi. Je nach Displaygröße führt das dann wiederum zu den folgenden Auflösungen:

  • 1125 x 2436 pixels (iPhone X🅂)
  • 1242 x 2208 pixels (iPhone 8 Plus)
  • 1242 x 2688 pixels (iPhone X🅂 Max)

Das alles ist nun bei weitem aber nicht die ganze Wahrheit, denn — Achtung jetzt kommt es! –:

  • Das „iPhone 8 Plus“ macht danach noch ein „20:23 down sampling“ auf 1080 x 1920 pixels (401 ppi)
  • und die iPhones mit OLED-Display (iPhone X🅂, iPhone X🅂 Max) haben für die Farben rot und blau nur die halbierte Auflösung von 621×1344 subpixels (229 ppi).

Fazit

Das Full-HD-Display des iPhone 8 Plus ist also in Sachen Darstellungsschärfe ein Totalversagen, da die eigentlichen Pixel unscharf skaliert werden müssen, weil die Display-Auflösung nicht reicht.

Und das OLED-Display des iPhone X🅂 Max (und des iPhone X🅂) ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss, denn es zeigt nur den Grünanteil des Bildes in einer Auflösung von mehr als 300 ppi. Das Auge sieht den Grünanteil zwar als 59% der Helligkeit, aber rot und blau zusammen auch immerhin zu 41%.

Das iPhone X🅁 hingegen

  • hat die gleiche Platzbreite wie das iPhone 8 Plus und das iPhone X🅂 Max
  • hat die gleiche Platzhöhe (und das gleiche Display-Format) wie das iPhone X🅂 Max
  • hat die gleiche Darstellungsgröße wie das iPhone SE und das iPhone 8
  • macht weder irgendein „down sampling“ (wie das iPhone 8 Plus) noch hat es eine reduzierte Auflösung bei irgendwelchen Farbanteilen (wie das iPhone X🅂 und das iPhone X🅂 Max)

Ich kann also nicht erkennen, warum das Display des iPhone X🅁 nicht das beste Display aller iPhones überhaupt werden könnte. Heute in drei Tagen wird man es sich wie gesagt im Laden anschauen können.

Beim Ausprobieren in Läden nahm ich bisher übrigens bei den LCD-Displays von Apple eine leichte Blickwinkelabhängigkeit in der Helligkeit wahr, aber keine in den Farben. Bei den OLED-Displays von Apple hingegen nahm ich eine starke Blickwinkelabhängigkeit in den Farben wahr. Und während mir Ersteres sogar gefällt (Nachbar*in kann nicht so gut mitlesen, weil Anzeige dunkler), empfand ich Letzteres stets als extrem störend (ein ständig schwankender Rosa- oder Blaustich). Ein iPhone mit OLED-Display würde ich mir deshalb derzeit nicht kaufen.

Sollte ich überhaupt irgendwann jemals ein iPhone bekommen, spräche aber zumindest das Display nicht gegen das iPhone X🅁.

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