Solange die Menschen noch einander zuhören…

Also ich interessiere mich ja für die Lebenswirklichkeit meiner Mitmenschen. Nur so entsteht Begegnung, nur in der Begegnung entsteht Austausch, und nur über Austausch können sich Ideen verbreiten.

Um Menschen zu erreichen, muss man sie abholen. Um sie abholen zu können, muss man sich in sie hineinversetzen lernen, muss man sie verstehen. Und um zu verstehen, muss man zuhören. Ja mehr noch: Man muss sie ernst nehmen. Man muss sich für sie interessieren.

Gestern beim Treffen der Bremer Attac-AG „Genug für alle“ ist das nicht passiert, dass sich Menschen für Menschen interessieren. Es ist auch nicht passiert, dass jemand einem anderen zuhört. Oder von irgendwoher abholt.

Vier der Teilnehmer waren zum ersten Mal da, vier weitere waren da, die immer da sind, plus zwei, die manchmal kommen. Einer davon ich. Da ich die letzten beiden Treffen nicht dabei war, habe ich mich anfangs erstmal zurückgehalten, um dann aber leider festzustellen zu müssen, dass eines anders war als bisher: Es gab keine Moderation mehr. Stattdessen gab es einen Freibrief für Selbstdarsteller. Und diesen hat einer für sich genutzt. Ein eitler Schwätzer, der jede Diskussion, jede Idee und jede Anregung anderer sofort im Keim erstickte.

So eine AG ist eine Interessengemeinschaft um ein Thema herum (hier um das Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“). Die vier Neuen wussten zum Teil nicht, was damit gemeint ist, und schon gar nicht, was die Attac-Positionen dazu sind. Eigentlich ist das klasse, denn nichts bringt mehr Impulse als wenn frisches Blut mit eigenen Gedanken in das Hinterzimmer strömt, in dem die Gruppe räumlich und geistig tagt. Aber: Niemand hat die Neuen begrüßt, niemand sie gefragt, was sie sich wünschen, oder sie gebeten sich einzubringen. Es bekam auch niemand von ihnen die Chance dazu, denn den ganzen Abend hat nur eine Person geredet — und alles andere abgewürgt.

Ja ok, das klingt jetzt etwas #mimimi, was ich hier schreibe, aber eigentlich wollte ich auch was ganz anderes erzählen: Genau eine Woche vorher war ich nämlich auch auf einer Grundeinkommen-Veranstaltung, und die war richtig gut. Veranstaltet wurde sie vom Bereich „General Studies“ der Universität Bremen als „Talk Event“ zum BGE. Per Mail eingeladen waren 1900 Studierende des Fachbereichs 8 „Sozialwissenschaften“ (Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichte, usw.), gekommen waren vier, von denen einer bis zum Schluss blieb. Aber die Quantität war nicht das Entscheidende. Das Entscheidende war, dass die Veranstaltung selber von fünf Studierenen organisiert wurde, die das Thema vorher nicht kannten. Der Kurs, in dessen Kontext das geschah, hatte das Motto „Im Beruf was Nützliches für das Allgemeinwohl tun“ und zum Gegenstand, drei Talk Events zu organisieren. Zwei Themen haben sich die Studierenden selbst ausgesucht (Engagement für Tierrechte und Fairer Handel), das dritte — Bedingungsloses Grundeinkommen — wurde ihnen mit sanfter Empfehlung von der Kursleiterin Birgit Ennen nahegelegt. Und so skeptisch wie alle bzgl. des Themas vor der Veranstaltung waren — so begeistert waren sie am Ende.

Als Gast erst eingeladen (und dann doch wieder ausgeladen) war auch ein Vertreter der o.g. Bremer Attac-Gruppe. Ebenso einer der Bremer Wählervereinigung Dialog Grundeinkommen (der abgesagt hatte), sowie einer des Bremer Initiativkreises Grundeinkommen (der eine Stunde nach Beginn auch kam). Außerdem waren noch drei grundeinkommensbewegte Bremer Piraten da und eben ich. Nicht als Ex-Pirat und nicht als Attac-Nichtmitglied, sondern einfach als York. Denn wie eingangs gesagt: Ich interessiere mich für die Lebenswirklichkeit meiner Mitmenschen. Nur so entsteht Begegnung, nur in der Begegnung entsteht Austausch, und nur über Austausch können sich Ideen verbreiten.

Und diese Lebenswirklichkeit junger Studenten von heute war wirklich interessant. Mit der Idee des BGE konfrontiert, waren die ersten Gedanken „Aber dann würden wir ja gar nicht unbedingt immer durchgehend richtig reinklotzen müssen mit dem Studium. Wir könnten dann ja auch mal nach links und rechts schauen.“ Wie befreite Laborkaninchen wirkten sie, als dieser Gedanke zu sacken begann, dass man im Leben plötzlich Optionen haben könnte. Und dann sofort: „Aber das ist doch gar nicht finanzierbar“, „und überhaupt würde doch alles teurer werden und dann zusammenbrechen“ und andere ökonomische Überlegungen. Verschult, auf Leistung getrimmt, ein fremdbestimmter schmaler Blick aufoktroyiert, bis in die Knochen durchökonomisiert. Das ist die studentische Jugend von heute. Einer davon studierte BWL, saß im Nadelstreifenanzug da, nannte sich „Finanzwissenschaftler“ und meinte, wir leben gar nicht im Kapitalismus und dass der Sozialismus kein natürliches System sein kann, da er immer erzwungen werden muss. Und als dann die Rede davon war, dass Teile des Grundeinkommens auch Grundfreibeträge in öffentlicher Infrastuktur sein können, schüttelte er nur noch verzweifelt den Kopf. Der FDP-Nachwuchs kriegte die Idee nicht in den Kopf. Die Idee des Grundeinkommens, die so gar nichts mit Sozialismus zu tun hat. Die Soziologen unter den Studenten aber erkannten: „Das Thema ist ja viel größer als wir dachten!“ Am Ende der Veranstaltung waren einige von ihnen angefixt. Sie werden sich weiter informieren. Ziel erreicht. Großartig. Wer einen Menschen inspiriert, der inspiriert die Welt.

Aber nochmal zurück zum gestrigen Attac-Treffen: Genau das ist dort eben nicht passiert, dass jemand inspiriert wurde. Ich will hier gar nicht weiter diese sich selbst so ungeheuer großartig findende Person kritisieren, die dafür verantwortlich ist (dazu würde sich ein persönliches Gespräch viel besser eignen), sondern eher rückwirkend die auf den vergangenen Treffen präsente Moderation loben (das hatte ich in einem persönlichen Gespräch auch früher schon getan). Denn diese Moderation (immer durchgeführt von einer bestimmten anderen Person, die diesmal leider nicht anwesend war), hat genau so etwas verhindert, was hier passiert ist: Dass 95% der Zeit nur eine Person redet; dass diese sich außerdem nur selber darstellt; dass sie durchweg belangloses Zeug redet, für das sich niemand interessiert; dass kein anderer die Möglichkeit bekommt, die Diskussion mitzusteuern oder mitzugestalten. Wie gesagt: #mimimi. Aber es will gesagt werden.

Ans Ende hätte eine Feedback-Runde gehört. Die Frage, was beim nächsten Mal in Form, Ablauf oder Inhalt anders probiert werden könnte. Ob die Erwartungen der Teilnehmer erfüllt wurden, ob sie wiederkommen möchten. Undenkbar mit diesem Inbegriff der Egozentrik als selbsternanntem „Leiter“ der Gruppe. Es wird auf den nächsten Treffen wohl so weitergehen, denn es gab Zuspruch und keine Kritik. Das Hinterzimmer nabelt sich ab von den Menschen. Verliert sie aus dem Blick. Glücklicherweise braucht das Thema diese Gruppe nicht. Vor Ort war sie es mir denn auch nicht wert, hier selber einzugreifen und die Dinge zu verändern.

Apropos Gruppe: Ende letzter Woche war ich noch auf einer dritten Grundeinkommensveranstaltung: Einem Treffen des „Arbeitskreis Grundeinkommen“ in Bremerhaven. Das wiederum hat mir sehr gut gefallen. Davon berichte ich aber jetzt nicht, sondern schließe mit dem Fazit, dass zwei der drei Grundeinkommensveranstaltungen der letzten paar Tage großartig waren. Sie hatten eine geringe Reichweite, ja. Aber entscheidend ist der Austausch und die Inspiration. Denn jeder ist ein potentieller Multiplikator. Jede große Idee wächst im Kleinen. Solange die Menschen noch einander zuhören…

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6 Antworten zu Solange die Menschen noch einander zuhören…

  1. KCR schreibt:

    Interessiert mich!

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  3. Caren schreibt:

    LIKE!
    xD

  4. Cheyenne schreibt:

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