Ökologischer leben

„Ökologischer zu leben, sollen Bremer ab April in Gruppen lernen können.“ war vergangenen Sonnabend in der taz.bremen abgedruckt. Denn es „sollen nun mehr Menschen überzeugt werden“, „beim Klimawandel“ bei „sich selbst“ anzufangen. „Sich in einer Gruppe von 14 Leuten einmal im Monat zu treffen, sich zum klimafreundlichen Konsum zu ermuntern, sich auszutauschen, das ist die Idee.“

Klimafreundlichen Konsum in Gruppen lernen, also. Aha. „Viele wüssten nicht, wie stark etwa die Produktion von Torf für Blumenerde oder Palmöl für Lebensmitteln das Klima schädige.“ Soso. Vielleicht bin ich ja paranoid, aber für mich klingt das auch nach Konsum. Gutes Gewissen im Sonderangebot. Dass das nun deshalb schlecht wäre, kann ich daraus allerdings nicht ableiten, denn es klingt ja wie eine gute Sache. Wie eine organisierte Form individueller Appelle, die etwas zum Besseren verändern sollen.

Aber können Appelle überhaupt etwas verändern? Ich meine ja, aber ich halte mich jetzt einfach mal raus und verweise auf den Text Alle individuellen Appelle sind nutzlos und schädlich. aus einem Kongressbericht von Werner Rätz. In dem geht es genau um Konsum und Klima, sowie auch darum, „dass es zwischen ökologischer und sozialer Frage kein Entweder-oder gibt“. Der Text beschreibt die Ursachen unsozialer und unökologischer Verteilung, die in der Profit- und Konkurrenz-gesteuerten auf Verkaufbarkeit ausgelegten Produktion zu finden seien. „Auf dieses Problem gibt es systematisch nur kollektive, gemeinsame Antworten. Deshalb sind alle individuellen Verzichts- und Sparappelle sinnlos.“ Wusch. Knallt er einem das vor den Kopf.

Ökologischer zu leben, sei zwar schön und gut, „Dieses persönliche Tun ändert aber gar nichts an den gegebenen Bedingungen, die können nur strukturell verändert werden.“ Dafür erfordere es den gesellschaftlichen Aufbau einer sozialen Infrastruktur, sowie von Allgemeingütern und eine kämpferische Aneignung struktureller Ansprüche auf dem Weg in eine Postwachstumsgesellschaft mit bedingungslosem Grundeinkommen und öffentlicher Daseinsvorsorge. Holla, holla. Das klingt alles sehr politisch. Er schreibt aber auch von einer allmorgendlich anzutreffenden „wild gewordenen Kleinbürgerin, die da ihr Kind im gepanzerten Geländewagen zum Unterricht bringt“, und ich wette das sind genau die Leute, die in Gruppen „lernen wollen“ würden, ökologischer zu leben. Öko als Konsum. Da ist es dann einfach nur gelungen, denen was zu verkaufen!

Auch ohne mich also auf die Kapitalismuskritik von Rätz einzulassen, ist es dennoch das, was mich an dem taz-Artikel stört. Er versucht einem die Botschaft anzudrehen, dass da jemand was für’s Klima tut, während es eigentlich nur um die ökologisch wirkungsfreie konsumistische Betäubung des eigenen Gewissens geht. Um das Alibi dann aber mit dem Flieger in den Urlaub düsen zu dürfen… Andererseits: Ist nicht ein Appell ans ökologische Gewissen immer noch besser als keiner? Muss man den Leuten wirklich gleich mit „Postwachstumsgesellschaft“ drohen, ohne die sowieso kein Problem zu lösen sei?

Apropos Postwachstumsgesellschaft: „Als Postwachstumsgesellschaft wird hier eine Gesellschaft bezeichnet, die sich unter der Bedingung einer starken Reduktion des Verbrauchs von natürlichen Ressourcen reproduziert.“ definiert Ronald Blaschke das in einem Thesenpapier zu einer Ringvorlesung an der an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Anfang diesen Jahres. Wenn man das so liest, findet man wie bei Rätz ein bedingungsloses Grundeinkommen als Kernbaustein einer Schrumpfungswirtschaft. Im Grunde führen beide das ökologische Problem auf den Privatbesitz von Produktionsmitteln zurück und sehen es als untrennbar mit der sozialen Frage verbunden. Beider Fokus bei der vorgeschlagenen Umverteilung ist nicht die Förderung des Konsums, sondern die Reduktion der Investitionsmittel, also die Senkung der Produktion durch Enteignung der Produktionsmittelinhaber.

Ich finde das insofern eine interessante Erkenntnis als dass dies für mich gedanklich eine dritte Dimension in die Grundeinkommensansätze einführt, die mir bisher so begegnet sind. Mit Grundeinkommensansatz meine ich hier das ganze Maßnahmenpaket (Transferleistungen, Steueränderungen, Anrechnungen, Infrastruktur), also inkl. Finanzierung und Rahmenbedingungen, da sich die Wirkung ja immer erst aus dem gesamten Paket ergibt. Die eine Dimension ist die emanzipatorische Wirkung (wieviel Freiheit und Selbstbestimmung erzeugt oder vernichtet das Grundeinkommen?), die zweite ist die Umverteilungsrichtung (klappt die Einkommensschere weiter auf oder eher wieder ein bisschen zu?) und die dritte eben die Wirkung auf das Wirtschaftswachstum der Märkte (wirkt es fördernd oder schrumpfend?). Die dritte Dimension war mir bisher nicht so vertraut. Ich glaube, ich möchte auch gar nicht, dass sie mir vertrauter wird, da man hier wohl wieder ganz schnell in Richtung ideologischer Debatte steuern würde.

Etwas anderes passt hier aber thematisch: Ich war am vergangenen Sonnabend, als der eingangs erwähnte taz-Artikel erschien (der mich zu diesem heutigen Blogeintrag inspirierte), in Lüneburg auf einem Treffen der norddeutschen Grundeinkommensinitiativen. Wir waren dort zu dritt für den Arbeitskreis Grundeinkommen, Bremerhaven. Absurderweise wurden u.a. konstituierende Ziele, Visionen und Werte der Bewegung diskutiert. Meine These ist, dass es so etwas gar nicht geben kann. Ziele, Visionen und Werte findet man eher in den im vorigen Absatz genannten Dimensionen der Ansätze. Und vielleicht noch in der Herkunft der jeweiligen Vertreter (anthroposophisch, theologisch, usw.). Das Grundeinkommen selber ist ja nur ein neutrales Instrument. Es war sehr spannend, zu erleben, wie unterschiedlich die Initiativen ausgerichtet waren. Je mehr Initiativen ich kennenlerne, desto mehr verstärkt sich meine Theorie der allgemeinen Projektionsfläche. Des Themas, das ausstrahlt in alle anderen Themen. Das schon deshalb einfach nie langweilig wird…

Und um nun abschließend noch die Brücke zurück zum Anfang dieses Blogeintrags zu schlagen: Fortbildung und Selbstmotivation zu „klimafreundlichen Konsum“ finde ich grundsätzlich gut, und der These „Alle individuellen Appelle sind nutzlos und schädlich“ schieße ich mich nicht an. Veränderungen im gesellschaftlichen Bewusstsein bzgl. nachhaltiger Ökologie und Grundeinkommen können doch nur von den Individuen ausgehen. Und nur über ein verändertes Bewusstsein, werden sich irgendwann auch reale Bedingungen ändern lassen. Dass man zusätzlich auch darüber nachdenken muss, welche Bedingungen geändert werden müssten, wenn sich grundlegend was ändern soll, steht außer Frage. Aber deshalb sind individuelle Appelle an ökologisches und soziales Bewusstsein nicht gleich „nutzlos und schädlich“.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Grundeinkommen abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Ökologischer leben

  1. Pingback: Schubladendenken | Wolkenstich

Leave a Comment

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s