Schubladendenken

Der Anlass, meinen gestrigen Blogeintrag Ökologischer leben zu schreiben, war ein Artikel in der taz, den ich gestern las. Der Anlass heute, ist der heutige Eintrag Wie ein Grundeinkommen wider Willen verhindern? in dem „Freiheit statt Vollbeschäftigung“-Blog von Sascha Liebermann. Ich reagiere gerne so spontan auf frisch Gelesenes. Die Sinnhaftigkeit meiner Äußerungen schwankt dadurch manchmal, und die thematische Gradlinigkeit eines Beitrags ebenso, aber nur so kann ich meine Gedanken festhalten (und vielleicht mal irgendwann später amüsiert reflektieren).

Ich war gestern abgedriftet vom „klimafreundlichen Konsum“ über „Postwachstumsgesellschaft“ zu einem Koordinatensystem für Grundeinkommensansätze und einem Minibericht über ein Treffen der norddeutschen Grundeinkommensinitiativen in Lüneburg am vergangenen Sonnabend. Ich schrieb „Es war sehr spannend, zu erleben, wie unterschiedlich die Initiativen ausgerichtet waren.“. Genau hier möchte ich jetzt ansetzen und mich über eine der Initiativen auslassen. Ich möchte sie in eine Schublade stecken.

Die Grundeinkommensbewegung ist bzgl. dieser Schublade fast dichotomisch aufgestellt. Sie ist in jene und die anderen partitioniert. Die Gruppen beinahe disjunkt. Auch der Vertreter dieser Initiative unterstrich dies, indem er mittels offensiver Darstellung der typischen Zuordnungsattribute keinen Zweifel in der Selbstverortung aufkommen ließ. Mit Beamer und durchgestylten Folien präsentierte er die Website seiner Initiative und die auf der Startseite eingebettete Kurzfassung des Films von Daniel Häni und Enno Schmidt. Dann kam die „Radioshow“-Sendeterminfolie im Offenen Kanal der Stadt: Interviews mit Daniel Häni, Sascha Liebermann, Susanne Wiest und mit der Initiative „Freiheit statt Vollbeschäftigung“. Es folgte der Flyer mit der quasi-patentierten Frage „Was würden Sie tun, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?“ auf einer eigenen Seite, dann die obligatorischen Krönungswellenfotos gefolgt von den unbedingt mit „Entrepreneurship“ überschriebenen Folien über „Öffentliche Aufklärung“ und natürlich „Unternehmerische Liebe“, gekrönt von der Folie mit den Starfotos, denn Personenkult und Götzenverehrung sind zentral für diese Gruppe. Alle wurden sie einzeln vorgestellt: Daniel Häni, Enno Schmidt, Adrienne Göhler, Sascha Liebermann, Benjamin Hohlmann, Susanne Wiest und mit einem übergroßen Gesicht in der Mitte: Götz Werner. (Der Name verdient jetzt einen Absatzwechsel.)

Abschließend noch die Folien mit den Visionen: „Eine Stadt sieht Grundeinkommen“. Lübeck rettet die Welt. Große Erleichterung in der Runde, als es vorbei war. Es war die einzige Initiative aus dieser Ecke auf dem Treffen. Und es war ja niemandem neu: Da muss man durch. Wer mehr davon braucht: Siehe http://grundeinkommen.tv/. Das ist die Heimat dieser Schublade. Nicht zu verwechseln mit http://grundeinkommen.de/. Das sind die anderen. Zumindest einige davon.

Ich mach‘ hier jetzt mal noch eine zweite Schublade auf, weil ich zahlreiche Initiativen erlebt habe, die da reinpassen. Auf dem Initiativentreffen in Lübeck sagte jemand „Grundeinkommen ist ohne ein anderes Geldsystem gar nicht denkbar.“. Auch in Bremen habe ich von einem Vertreter des Bremer Initiativkreis Grundeinkommen zuletzt den Satz gehört „Grundeinkommen ist für mich nur eine Übergangstechnologie. Ich will Geld abschaffen.“ (auf dem “Talk Event” zum BGE im Bereich “General Studies” der Universität Bremen — siehe meinen Bericht in meinem Blogeintrag Solange die Menschen noch einander zuhören… ). Ich definiere hiermit also die Schublade der kapitalismuskritischen, Schrumpfungswirtschaft fordernden, Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ändern wollenden Gruppen. In meinem Blogeintrag gestern hatte ich das als „dritte Dimension“ der Grundeinkommensansätze bezeichnet (die anderen beiden waren emanzipatorische Wirkung und Umverteilungsrichtung). Auch die Bremer Attac-AG „Genug für Alle“ hat zuletzt einen Text über Wachstumskritik und Grundeinkommen von Werner Rätz zu diskutieren versucht (siehe denselben eben genannten Blogeintrag von mir) und passt in diese Ecke. Dass es in Bremen viele Gruppen aus dieser Ecke gibt, ist allerdings auch nicht verwunderlich, da immer wieder dieselben Leute die Gruppen durchwandern, auflösen oder neubilden. (Darüber schrieb ich bereits in Gestern in der Villa Ichon .) Es gibt sie aber überall.

Der eingangs erwähnte heutige Artikel von Sascha Liebermann in seinem „Freiheit statt Vollbeschäftigung“-Blog erinnert mich nun daran, dass diese Schubladen zutiefst verfeindet sind und ist wie gesagt der Anlass für diesen weiteren Blogeintrag von mir nach nur einem Tag. Liebermann greift Attac Bonn an, die Heimat von Werner Rätz. Insbesondere den Satz „Es ist ein globales Projekt der Umverteilung, mit seiner Einführung muss im Süden begonnen werden.“ Er kritisiert das „Demokratieverständis“ dieses Satzes und sagt „eine solche Strategie der globalen Einführung [unterläuft] die bestehenden demokratisch legitimierten Gemeinwesen“ und weiter „Attac unterstellt ein Wir, das als verfasstes Gemeinwesen nicht existiert, und weil es nicht existiert, wirft das ein bezeichnendes Licht: Attac spricht offenbar für die anderen, vereinahmt diese und erlegt ihnen ein politisches Ziel auf.“, sowie „Es scheint kein Zufall zu sein, dass in dem Text weder von Bürgern als Staatsbürgern noch von einem Gemeinwesen die Rede ist. Demokratische Legitimierung und Volkssouveränität scheinen den Verfassern nichts zu bedeuten, das ist erschreckend. Wäre es anders, hätte ein derart bevormundender Text nicht geschrieben werden können. Ähnlich wie Forderungen danach, vor der Einführung eines BGE müsse zuerst das “System” geändert oder etwa Menschen zum Umgang mit Freiheit befähigt werden, ist die Forderung, zuerst im Süden zu beginnen, eine gute Strategie, das BGE zu verhindern.“

Spannend hieran ist, dass das gar nicht mal falsch ist. Wer ein Weltgrundeinkommen und gar eine Weltwirtschaftsschrumpfung fordert (meine zweite Schublade, definiert über meine „dritte Dimension“ der Grundeinkommensansätze), der maßt sich einen Weltherrschaftsanspruch an und verunmöglicht jede realpolitische Diskussion eines Grundeinkommens in Europa. Was Liebermann stört, ist aber meiner Ansicht nach gar nicht wirklich das, sondern vielmehr noch ein ganz anderer Unterschied der Attacies zu der Gruppe, der Liebermann angehört (meine erste Schublade): Das, was ich gestern die „zweite Dimension“ der Grundeinkommensansätze genannt hatte, ist nämlich der eigentliche Unterschied der beiden Schubladen: Die Umverteilungsrichtung ist gegensätzlich! Wie ich schon vor über einem Jahr in Wann ist ein Grundeinkommen emanzipatorisch? geschrieben hatte, als mir nach einem persönlichen Gespräch mit Matthias Dilthey die Umverteilungsrichtung als eigene Dimension klar wurde, fördern die Götz-Werner-nahen Ansätze die Umverteilung von unten nach oben — und global von Süd nach Nord. Deshalb kann man nicht im Süden anfangen! DAS ist die pseudo-anthroposophische Verlogenheit der Werner-Götzen! Nichtsdestotrotz haben umgekehrt die Weltsystemänderer tatsächlich einen vermutlich verachtenswerten Freiheitsbegriff.

Ich persönlich kann mit den Gruppen in beiden Schubladen nichts anfangen. Und doch wieder viel. Denn beide haben recht. Und unrecht. Und das allerschönste: Schubladendenken ist auf Dauer gar nicht sinnvoll!

Aber Selberdenken immer!

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2 Antworten zu Schubladendenken

  1. bgetube schreibt:

    Es ist ganz normal, dass in der momentanen Phase viele Ideen entstehen oder altes Wissen neu aufbereitet wird. Das Grundeinkommen ist eine gute Antwort auf die entstandenen Fragen. Natürlich wird das Grundeinkommen nicht das Ende der gesellschaftlichen Entwicklung darstellen, aber überspringen können wir diese Idee nicht. Das Gute ist, dass das BGE einfach in einem der hochentwickelten Länder beginnen kann und einen Sorg in ähnliche Länder ausstrahlt. Ich denke, dass die globalen Ungerechtigkeiten weitere Schritte erfordern. Aber ein BGE einführen kann und muss man vielleicht sogar dort, wo es erst einmal durchsetzbar wäre. Warum sollte man auch eine weltweite Forderung aufstellen, wo man doch erst einmal als Vorbild voran gehen könnte. Und sogar in einem Land wie DE wird es schon schwer genug sein, die Leute beispielsweise von der Finanzierbarkeit zu überzeugen. Nicht umsonst wird dieser Punkt immer wieder angesprochen und das obwohl wir seit 2008 Krisen haben, die wesentlich mehr Geldmengen verschlingen, als das BGE jemals kann. Und natürlich wird diese GrundeinkommensIdee mit erheblichen Aufwand bekämpft und das zunehmend mit Bauernopfer und Grips. Aber das gehört genauso dazu, wie die rollenden Köpfe während der französischen Revolution.

  2. Ralf schreibt:

    Die Grundeinkommensbewegungen entspringen der gleichen Wurzel.

    Für die eine Richtung wird eventuell schon bald der Grundstein gesetzt. Die Volksinitiative in der Schweiz. Im April geht es los. Diese Grundeinkommensbewegung ist die heute realistische Bewegung, da die Umsetzung an dem anknüpfen kann was in den reichen Ländern vorhanden ist. Dieser Anknüpfgedanke ist eine sehr wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Transformation.

    Die globale Bewegung ist eine Bewegung, die auf lange Sicht stärker wird. Ich glaube, dass dies ein langjähriger Prozess sein wird. (Gerne lasse ich mich eines besseren belehren.) Dennoch ist die heutige Pionierarbeit für die kommende Zeit sehr wichtig. Vielleicht sogar noch wichtiger als der Zwischenschritt – das BGE in den einzelnen Staaten einzuführen.

    Das Grundeinkommen in Einzelländer beschleunigt die Ausbreitung, da ein Staat bzw. deren Bürger leistungsfähiger werden. Andere Staaten werden diese Entwicklung nicht ignorieren können.

    Das Grundeinkommen ist in DE nur eine politische Willensfrage. Viele der „modernen“ Bildschirmarbeitsplätze existieren in Wirklichkeit nur, weil an der Software gespart wird. Warum brauchen wir heute mehr Menschen zur Verwaltung einer mittlerweile sehr effizienten Produktion (sofern diese nicht in der dritten Welt passiert)? Ganz einfach: Wir hätten schon 1995 über 50% Arbeitslose gehabt, wenn schon damals alle Arbeitsplätze nach ökonomischen Massstäben bewertet worden wären. Diese Entwicklung ist weiter gegangen. Die hohe Produktivität unserer Wirtschaft war auch der Grund, warum der Osten innerhalb kürzester Zeit wiedervereinigt werden konnte. Das waren immerhin 17 Millionen Menschen bei erst einmal gleich gebliebenen wirtschaftlichen Ressourcen.

    Warum sollte die eine Gruppe nicht das heutige System verbessern und eine weitere Gruppe an künftige Modelle weiter arbeiten? Warum sollte man hier Gegensätze vermuten?

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