Mein erstes E-Book

Mein allererstes E-Book war sicherlich irgendwann mal ein Buch gewesen, das es im Rahmen irgendeiner Verlagsaktion irgendwo kostenlos als PDF herunterzuladen gab. Dieses Buch meine ich nicht. Ich meine irgendwas anderes. Vielleicht meine ich die erste Buch-Datei, für die ich Geld bezahlt habe. Oder die erste Datei, die ich mit einem richtigen E-Book-Reader lesen werde. Keine Ahnung, was ich genau meine. Denn da fängt es schon an: Was ist überhaupt ein richtiger E-Book-Reader. Was ist ein E-Book?

Das Lesen von PDFs am Notebook war nie mein Ding gewesen. Und das Lesen von Büchern auf dem Smartphone konnte ich mir auch nicht recht vorstellen. Also habe ich mich nie wirklich für E-Books interessiert. Und mich auch nicht informiert. Vor Jahren hier oder dort mal ein Vortrag dazu auf z.B. einer Bremer Pl0gbar oder mal ein ausführlicherer Blogeintrag über das Thema. Sowas habe ich schon konsumiert. Man ist ja interessiert an diesen neuen Dingen. Es blieb aber alles ein Buch mit sieben Siegeln, weil ich für mich kein Potential einer praktischen Anwendung sah. Erst dieser Tage hat sich das geändert.

Es fing an mit einem Buch, das es bei Amazon nur als E-Book gab. Wahlweise im Bundle mit oder ohne zusätzliche Totholzversion. Der Bundle-Preis für das Buch wäre mir für die Totholzvariante alleine zu teuer gewesen. Der Aufpreis für die Totholzfassung war aber ok. Nur kriegte ich die eben aber nur dann, wenn ich das E-Book ebenfalls kaufte. Ein E-Book alleine zu kaufen, konnte ich noch nicht denken. Also habe ich das Bundle genommen und somit aber auch mein erstes E-Book gekauft. Anschließend habe ich beschlossen, dass es dieses erste bezahlte E-Book bis in eine Reader-App auf mein Handy schaffen muss. Dann würde ich es offiziell als mein erstes E-Book gelten lassen.

Weil das E-Book bei Amazon gekauft war, fand ich es erstmal naheliegend, die Kindle-App zu installieren, also den E-Book-Reader von Amazon für Android. Die App läuft über den Amazon-Account und enthält einen Bereich „Shop“, in dem an jedem Buch ein „Jetzt mit 1-Click® kaufen“-Button zu finden ist. Und dieser Button war auch aktiv, obwohl ich ihn für den Web-Shop von Amazon in den Einstellungen deaktiviert hatte. Ausprobiert hatte ich den Button mit irgendeinem Buch für 0,00 Euro: „Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes“. Ein Buch von 1807. Also älter als mein Handy. Und billiger. Für das Buch habe ich dann auch eine normale Amazon-Rechnung bekommen. Nur eben über 0 Euro.

Nachdem ich nun also ein erstes Buch in der Kindle-App hatte, habe ich mein Handy nochmal eingehender untersucht und dabei eine vorinstallierte App namens „eBook“ gefunden. Laut Info eine App von und für Kobo. Kobo ist offenbar zugleich Shop und Reader, lässt sich aber auch ohne Kobo-Account verwenden. Einige Bücher waren vorinstalliert, darunter z.B. „Lewis Caroll: Alice’s Adventures In Wonderland“, „Bram Stoker: Dracula“, „Jack London: White Fang“ und „Charles Dickens: A Tale Of Two Cities“. Ich hatte also längst E-Books auf dem Handy, ohne es zu wissen. Mitsamt Reader. Aber eben nicht (bewusst) gekauft.

Jetzt zwischendurch ein bisschen ergoogletes Halbwissen: Die Dateiformate sind bei Amazon und Kobo offenbar unterschiedlich. Bei Amazon heißt es MOBI, bei Kobo heißt es EPUB. Mit der Windows-Software Calibre kann man E-Books aber in das jeweils andere Format konvertieren. EPUB sei das freiere Format, und überhaupt lese man das unter Android normalerweise mit Aldiko, der populärsten Reader-App in Google Play. Google Play ist der Shop von Google für Android, und auch da kriegt man E-Books. Ach ja, und Libri (ähnlich bekannter Web-Buchshop wie Amazon) hat sich umbenannt in eBook.de. Alle außer Amazon haben EPUB als Format.

Als nächstes habe ich mir zum Test ein Buch von Project Gutenberg heruntergeladen, also von „the first producer of free ebooks“. Nach dem Download im Android-Webbrowser wurde das EPUB automatisch in die Kobo-App importiert. Auch hier nahm ich irgendein Buch: „Honoré de Balzac: Die Frau von dreißig Jahren“. Der Charme hier ist, dass die EPUB-Datei auch als solche greifbar ist, da sie ja auch noch im Download-Ordner liegt. Das o.a. Buch im Kindle und die anderen Bücher in Kobo habe ich nicht als Datei. Muss ich mich also damit anfreunden, dass E-Books i.d.R. in irgendwelchen Shop-Clouds liegen und oft nur in die zughörigen App-Datenbanken hinein offline gesynct werden können? Dass sie damit also auch zurückgezogen, verändert oder gesperrt werden können? Dass womöglich gar die Weitergabe behindert wird?

Ja, das waren eben rein rhetorische Fragen. Mir ist klar, dass es Ökosysteme von DRM-geschützten Bücherwelten gibt, und dass geschlossene Shops wie Amazon das noch über das eigene Dateiformat hinaus bis in eigene Reader-Hardware ausdehnen. Mit dem Kindle geht nur Amazon, und die Bücher bleiben in der Amazon-Cloud. Man hat für nicht bei Amazon gekaufte Sachen sogar noch 5 GB eigenen Platz pro Account, in den man per individueller Mailadresse seine als Datei vorliegenden E-Books aus anderer Quelle legen kann. Meine Kindle-App zeigt diese Adresse in den Einstellungen unter „An-meinen-Kindle-senden E-Mail-Adresse“ an. Ob solche geschlossenen Systeme im Buchbereich Fluch oder Segen sind — darüber habe ich noch nicht nachgedacht.

Aber vielleicht haben das Kathrin Passig und Sascha Lobo ja getan. Von denen ist nämlich mein o.g. erstes bezahltes E-Book: „Internet — Segen oder Fluch“. Dieses E-Book wurde dann übrigens spannenderweise per Post geliefert! Die Sendung ließ sich im Netz verfolgen, und die Zustellung erfolgte durch DHL in den Hausbriefkasten. Das E-Book als Download-Code im Schutzumschlag der Totholzfassung. URL zum abtippen. Download-Code zum abtippen. Solche Medienbrüche finde ich großartig. Insbesondere habe ich dadurch dann ja wie bei einem freien E-Book auch die EPUB-Datei in der Hand, und das nicht kopiergeschützt. Über Calibre kann ich ein Mobi erzeugen und dies per Mail in meinen Account-Bereich der Amazon-Cloud schießen, um es dann in der Kindle-App lesen zu können. Oder ich importiere das EPUB auf dem Handy in die Kobo-App und/oder probiere Aldiko.

Aber mal ganz im Ernst: Spaß macht das irgendwie nicht. Und natürlich finde ich solche Medienbrüche nicht wirklich großartig, sondern umständlich. Und das ist noch nicht einmal das Ende der Geschichte: Man muss sich für dieses E-Book nämlich auch noch namentlich bei Rowohlt registrieren und kriegt danach ein dann eigenes E-Book-Exemplar mit individuellem Wasserzeichen für sich generiert. Dessen Weitergabe ist rechtlich beschränkt, über das Wasserzeichen nachverfolgbar und über die Registrierung auf den Käufer zurückführbar. Angeben muss man beim Verlag nicht nur seine Daten, sondern auch eine E-Mail-Adresse, über die man das persönliche E-Book-Exemplar dann erhält. Ganz ehrlich: Dann lieber der Scheiß mit irgendeiner DRM-Cloud.

Na ja, ich habe den Download also gelassen und bin nun die Totholzfassung am lesen. Dieses Buch ist also doch nicht mein erstes E-Book geworden. Es gibt somit nun noch gar kein „mein erstes E-Book“. Und auch Aldiko oder Calibre probiere ich vielleicht später mal. E-Books wären zumindest ein Use Case für leichte 7″-Tablets wie das Google Nexus 7 oder das Apple iPad Mini. Also ein Grund, sich sowas endlich anzuschaffen. 😉 Eine gute Bekannte war allerdings gestern bei uns zu Besuch und erzählte, wie es in der Bremer Stadtbibliothek mit der E-Book-Ausleihe für sie läuft: Jedes E-Book kann immer nur einmal zur Zeit verliehen werden; es muss nach genau zwei Wochen zurückgegeben werden (bzw. wird es automatisch, wenn man das DRM nicht knackt); vorzeitige Rückgabe oder Verlängerung ist nicht möglich; und man kann sich in Wartelisten eintragen, so dass man meist schon nach ein paar Monaten eine Mail kriegt, dass das gewünschte E-Book nun (für genau zwei Wochen) verfügbar ist.

So also ist das: Wartelisten für E-Books in Büchereien, E-Book-Versand per Post im Buchhandel und geschlossene Systeme bis hin zu erzwungenen Endgeräten der Leser. Dazu noch totale Überwachung (wer liest wann und welche Seite wie lange), Auswertung von und Handel mit persönlichen Daten der Leser, sowie massiven Einschränkungen an der Nutzung der erworbenen Bücher, z.B. beim Privatverleih. Ich glaube, bis ich „mein erstes E-Book“ tatsächlich habe, wird es also noch dauern. Aber immerhin habe ich nun schon mal zwei Reader-Apps auf dem Handy mit etlichen interessanten kostenlosen E-Books drin. Im Fazit fühlt es sich also schon jetzt mehr wie Segen an als wie Fluch. Und da geht noch was!

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5 Antworten zu Mein erstes E-Book

  1. York schreibt:

    Kleiner Nachtrag: Da ging tatsächlich noch was! Ich lese den Passig/Lobo seit gestern nämlich nun doch als EPUB auf dem Handy und sammle damit Erfahrungen. Der Anlass war der gestrige Text von Jürgen Kuri, in dem er sich Gedanken über die Langzeit-Archivierung von E-Books und über digitale Bibliotheken macht, also um die Vorhaltung „nicht nur von Informationen, auch von ihrer Umsetzung in Wissen; nicht nur kollektiv, auch individuell“. Mir wurde dadurch klar, dass meine Bedenken, erstmal nur das bloße Lesen von E-Books unvoreingenommen selber einfach auszuprobieren, viel zu verkopft waren.

    Und im Buch selber las ich dann: „Neue Technologien können sich nur dann durchsetzen, wenn sie auf ein vorhandenes, starkes Bedürfnis stoßen. Nicht das Neue bringt die optimistische Erzählung hervor, sondern die Erzählung den Erfolg des Neuen.“

    Beide Texte führten mich zu der Erkenntnis, dass ich tatsächlich zunächst einfach von meinen eigenen Bedürfnissen ausgehen sollte. Also nicht, wie Kuri schreibt, so zu denken: „aber an E-Books führt trotzdem kein Weg vorbei, die Form, die Bücher hier annehmen, ist möglicherweise noch nicht ausentwickelt, aber der Weg ist deutlich“. Sondern einfach so: Was bringt es mir für mich selber?

    Und da habe ich nun auch schon einen ersten Eindruck: Das Lesen ist haptisch viel sinnlicher, und man kann außerdem entspannter liegen, weil man mit nur einem Finger umblättern kann. Man verliert auch den Zeilenfokus weniger, weil die Seiten kleiner sind. Außerdem ist das Gucken viel entspannter, weil das Display leuchtet. Und man liest länger, weil man anstatt nach ein paar Seiten einzuschlafen, länger tief ins Buch eintaucht und die Umgebung vergisst. Es ist wie als ob genau das alles wegfällt, weswegen man kaum noch Bücher gelesen hat. Und nicht zuletzt ist auch noch die Schriftgröße einstellbar, also nicht bei jedem zweiten Taschenbuch zu klein.

    Ein weiteres Zitat noch aus dem Buch: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Welt durch Technologien — ja auch durch das Internet — weder besser noch schlechter, sondern bloß anders wird.“. Mehr also ist gar nicht passiert. Es ist einfach nur was anders geworden: Ich lese jetzt auch E-Books.

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