Facebook Open Groups — mitmachen oder nicht?

„Man ahnt es schon lange: Facebook kann neidisch, depressiv und unzufrieden machen. Das hat jetzt die Humboldt-Universität zu Berlin in einer gemeinsamen wissenschaftlichen Anstrengung mit der Technischen Universität Darmstadt herausgefunden.“… So beginnt der Artikel „Spieglein, Spieglein“, den ich gerade in der heutigen taz gelesen habe. Mit anderem Titel, anderem Bild, mit Zwischenüberschriften und überschrieben mit „STUDIE ÜBER FACEBOOK“ stand er schon gestern auch online. Es geht da um die Wirkung von Angeber-Postings seiner Kontakte auf die eigene Psyche. Ich möchte das Thema hier nicht aufgreifen, sondern nur damit angeben, dass ich die gedruckte taz lese.

Im Ernst: Apropos Facebook. Es gibt im Zusammenhang mit Facebook nämlich tatsächlich ein Thema, das mich interessiert, und mit dem ich mich beschäftigt habe: Facebook Open Groups — mitmachen oder nicht? Denn manchmal überlege ich schon wirklich, ob ich bei der einen oder anderen Facebook Open Group mal mitmachen möchte, indem ich einen Beitrag, ein Bild oder einen Kommentar einstelle. Bisher habe ich da unahhängig von den Inhalten sehr große Vorbehalte, weil mir die technische Konzeption von Facebook Open Groups (ich kürze sie hier mal “FOG” ab) überhaupt nicht gefällt. Konkret missfällt mir:

1. Eine FOG ist nicht wirklich open, denn Beiträge und Kommentare sind im Internet nicht sichtbar. Wenn man nicht bei Facebook eingeloggt ist, sind sie komplett verborgen. Da man Dinge aber nur ganz öffentlich oder ganz gar nicht machen sollte, ist das ein absolutes No-go. In geschlossenen Datencontainern aktiv zu werden, ist immer ein großer Fehler, und Plattformen, die sich nicht ins World Wide Web integrieren (Verlinkbarkeit, Suche, usw.), ein völliges Unding.

2. Beiträge und Kommentare in eine FOG hustet man zwangsweise auch in die Ticker seiner Kontakte. Unabhängig davon, wie man sie in seiner Chronik plaziert (z.B. gar nicht), geht für jede Aktivität in einer FOG eine entsprechende Tickermeldung an das gesamte eigene direkte Netzwerk. Damit steht eine FOG dem Prinzip einer Themengruppe, wie es sie z.B. seit Jahrzehnten im Usenet gibt, diametral entgegen. Beiträge und Kommentare gehen primär nicht in die Gruppe, sondern in den eigenen Social Graph.

3. Eine FOG kann willkürlich in eine Closed Group umgewandelt werden. (Facebook-)Öffentliche Foren können also der (Facebook-)Öffentlichkeit einfach so auf einen Schlag komplett entzogen werden. Die Beiträge und Kommentare sind dann nicht einmal mehr in den Chroniken der Autoren zu sehen. Man läuft also Gefahr, irgendwann eigenen Content in einer Closed Group stehen zu haben, aus der einzelne Menschen sogar vom Lesen ausgeschlossen werden können. Facebook Closed Groups sind die ultimative Perversion des Internets. Allein die Umwandelbarkeit einer FOG ist daher ein absolutes K.O.-Kriterium für ein Mitmachen.

Zum Vergleich: Die technische Konzeption der Google+ Open Communites (ich kürze sie hier mal “GOC” ab), hat diese drei K.O.-Kriterien nicht. Eine GOC ist 1. immer ganz öffentlich (ohne Account im WWW sichtbar), über Beiträge und Kommentare werden 2. nur diejenigen Kontakte informiert, die selber auch in jener GOC sind, und eine GOC kann 3. nicht in eine Closed Community umgewandelt werden. Selbst einzeln aus ihr gelöschte Beiträge bleiben mitsamt Kommentaren in den Profil- und Kreise-Streams der Autoren erhalten. Hier gilt also: Öffentlich ist öffentlich und bleibt öffentlich, und aktive Benachrichtigungen sind auf den durch die Community definierten Interessiertenkreis beschränkt. (Siehe dazu auch meinen Blogeintrag Communities bei Google+.) Bei Google+ ist also alles besser?

Nein, bei Google+ ist nicht alles besser, denn ich vergleiche hier Äpfel mit Birnen. Google+ ist kein soziales Netzwerk! Die drei Aspekte, die ich oben als meine persönlichen K.O.-Kriterien für ein Mitmachen in FOGs identifiziert habe, sind Grundvoraussetzung für den Erfolg einer Plattform:

Zu 1.: Eine FOG gibt zu jedem Beitrag eine “Seen by”-Info, nennt also die Personen, die den Beitrag gesehen haben. Das schließt nicht nur passives Lurken aus (man befüllt immer aktiv die “Seen by”-Info), sondern macht auch transparent, wer Mitglied einer Gruppe ist, aber gar nicht reinguckt. Es ergibt sich also allein durch Surfen eine soziale Interaktion. Funktionieren kann das aber natürlich nur, wenn man zum Lesen in der Gruppe bei Facebook eingeloggt sein muss.

Zu 2.: Die Ticker der Kontakte, in die man seine Aktivitäten in Form von Facebook-Verben brüllt, sind das Kernmerkmal des Facebook-Erfolgs. Ein Stück Semantic Web Live. Maschinenlesbare live produzierte personenbezogene Daten, die nicht nur dem Plattformbetreiber (und damit den Geheimdiensten und der Werbeindustrie), sondern auch den eigenen Kontakten zur Verfügung stehen und gerade dadurch die soziale Vernetzung erzeugen. Post privacy statt Privacy-by-default ist der Grundstock eines jeden potentiell funktionieren könnenden sozialen Netzes. Datenschutz würde der Plattform ihren Nutzen rauben. Ihren Grundgedanken an sich.

Zu 3.: Die inhaltliche Ausrichtung einer Gruppe und die soziale Zusammensetzung der Mitglieder kann sich ändern. Vormals gruppenprivate Diskussionen können öffentlich werden sollen, oder umgekehrt kann eine Gruppe ihre Dinge etwas privater weitertreiben wollen. Den Bedarf, eine Gruppe zwischen Open und Closed wechseln zu können, gibt es also, und es gibt ihn unabhängig von Fragen der Nachhaltigkeit und des Datenschutzes. Nachhaltigkeit und Datenschutz sind in sozialen Netzen ohnehin grundsätzlich unmöglich. Daraus motivierte Zwänge würden demotivierend wirken.

Facebook ist in letzter Zeit auch in die Kritik geraten, weil es den “News Feed” so stark filtert. Der News Feed ist die größere und buntere, aber eben auch stark zensierte Ansicht des Tickers. Diese vermeintliche Zensur ist aber gerade die wichtigste Dienstleistung, die Facebook erbringt, nämlich die Relevanzfilterung. Man überträgt seine Filtersouveränität an die Plattform, um einen kompakten und interessanten individuell geschnürten Blick auf seine Filter-Bubble zu erhalten. Die Qualität dieser Filter-Algorithmen entscheiden über den Erfolg einer Plattform. Auch die Sichtbarkeit von eigenen Aktivitäten in FOGs in den News Feeds der eigenen Kontakte wird von den Filter-Algorithmen von Facebook über deren Datenprofile gesteuert. Genau dieser Kontrollverlust macht ein soziales Netzwerk aus.

Langer Rede kurzer Sinn: Meine Vorbehalte gegen Facebook Open Groups kommen daher, dass ich digitale Öffentlichkeit 2.0 noch nicht richtig verinnerlicht habe. Ich fühle mich immer noch und ausschließlich in der Öffentlichkeit 1.0 wohl. Google+ als Wiederkehr des Usenet, mit dem ich groß geworden bin, ist ein Beispiel für Öffentlichkeit 1.0. Genau wie das World Wide Web. Facebook als Mischung aus Internet-für-Offliner und Post-Privacy-Plattform kommt der große Verdienst zu, Menschen in breiten Massen ohne große Hemmschwelle direkt in die Öffentlichkeit 2.0 zu führen. Ich schätze, Google+ wird dem irgendwann auch hinterherlaufen, und an den einstellbaren Kreislautstärken erkennt man auch erste Funktionen eines sozialen Netzwerks: die Relevanzselektion durch Filterung.

Fazit: Ich also werde bei Facebook Groups vorerst nicht mitmachen — egal ob open oder closed. Einfach, weil das mein Ding nicht ist.

Ich mache allerdings auch schon bei dem eingangs erwähnten Spiel nicht mit, Angeber-Postings meiner Kontakte auf meine eigene Psyche wirken zu lassen. Menschen macht hauptsächlich das aus, was man von ihnen und über sie nie bei Facebook sehen wird. Warum sollte ich also das, was man dort sieht, irgendwie ernst nehmen. (Ich nehme schon genug Dinge ernst, wie man u.a. an diesem Erguss über Facebook Open Groups sieht.)

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