Ich mag das neue flickr

Ich mag das neue flickr. Ich starte die App auf dem Tablet und bekomme den ganzen Bildschirm voller Fotos. Alle in gleicher Höhe und mit hauchdünnem schwarzen Rand dazwischen. Der Platz ist gut ausgenutzt. Vier Reihen sieht man bei mir auf dem handlichen 7″-Display — mit jeweils 2-3 Fotos, je nach Format.

Das Gesamtbild lässt sich vertikal hochwischen, jede Zeile ist ein Kontakt. Und horizontal wischt man in den Zeilen jeweils einzeln durch den Fotostream des jeweiligen Kontakts. Alternativ kann man auch jede Zeile eine Gruppe oder jede Zeile ein Album anzeigen. Es sind zunächst die eigenen Kontakte, Gruppen und Alben, aber man kann auch auf jeden anderen User gehen. Ein Klick auf dessen Icon und man kann dessen Kontakte, dessen Alben oder dessen Gruppen anzeigen.

Ich mag es, von einem User auszugehen, dessen Übersicht von seinen eigenen Fotos oder seinen gewählten Favoriten mir gefällt. Die kann man sich beide nämlich ebenfalls anzeigen lassen: etwas kleiner und in der Breite immer ganz zu sehen, knapp 6-7 Reihen zu je 3-4 Fotos (Beispiel hier). Meist gehe ich dann weiter auf die Ansicht von dessen Kontakten, d.h. ich navigiere durch die Streamübersicht seiner gepflegten Kontakte. Der Bildgeschmack seiner Kontakte ist oft ähnlich dem seiner eigenen Bilder oder Favoriten. Gleichwertig zu seinen Alben kann ich also auch seine Gruppen und die Fotostreams seiner Kontakte in der jeweiligen zweidimensionalen Ansicht durchwischen.

Und so hangele ich mich von Kontakt zu Kontakt und manchmal (über den Rückpfeil) wieder zurück. Es ist ein Baum von Kontakten, der da aufgespannt ist und in dem es immer wieder neue Äste zu entdecken gibt. Bilder, die mir sehr gefallen, fave ich, so kann ich deren User über meine eigenen Favoritenübersicht später wiederfinden.

Eher selten gehe ich auf den Hauptmenüpunkt „Aktivität“. Dort sieht man die jeweils letzten Kommentare an Bildern, an denen man selber mal kommentiert hat. Das ist meist wenig spannend, weil Kommentare bei flickr i.d.R. nicht sehr geistvoll und auch wenig humorvoll sind. Viel wertvoller ist für mich der soziale Graph, den die User durch die Pflege von Kontakten, Gruppen und Favoriten aufbauen, sowie auch die gesammelten Alben der einzelnen User. Es ist einfach entspannend und inspirierend zugleich, sich durch dieses Netzwerk von Menschen und ihren Werken gesteuert durch den eigenen Geschmack hindurchtreiben zu lassen. Morgens im Bett und abends auf dem Sofa mit dem schlanken Tablet in der Hand.

Was dabei völlig untergeht, sind die Titel und Untertitel (Descriptions) der einzelnen Bilder, denn Text wird in der App nicht angezeigt. Im Fokus stehen allein die Bilder. Effekte wie witzige Titel oder witzige Anordnungen, die einander einen Kontext geben, werden nicht transportiert. In meinem eigenen flickr-Stream waren mir diese Dinge immer besonders wichtig. Es waren stets 18 Bilder pro Seite bei drei Bildern pro Zeile zu sehen. Kleine Bilder waren es, geradezu winzige Thumbnails mit fett lesbaren Titeln und Descriptions darunter. Eigentlich war es bunt dekorierter Text auf einer weißen Seite, mit dem man Geschichten erzählen konnte. Manche erzählten die Geschichten an den einzelnen Thumbnails, ich eher durch die Zusammenstellung und Anordnung der Bilder. Mal mit und mal ohne Text. Oft habe ich vor dem Hochladen Stunden mit Anordnung und ggf. Beschriftung verbracht. All das sieht niemand mehr in dem neuen flickr, in dem Texte unterdrückt und Anordnungen aufgehoben werden.

Ich mag das neue flickr trotzdem. Auch die Webansicht. Die neue Startseite ist toll. Große Bilder, die man genießen kann, ohne erst draufklicken zu müssen. Schwach durchmischt von unaufdringlichen Aktivitätsbannern und Informationen wie „xyz faved your photo“. Alternativ kriegt man die Ansicht mit einem Klick so umgeschaltet, dass die Bilder etwas kleiner und die Informationen ausgeblendet werden. Es zeigt sich dann ein bunter Flow der zuletzt hochgeladenen Fotos der eigenen Kontakte. Geschickt in der Höhe der Zeilen so skaliert, dass trotz gleichdicker weißer Trennränder alles zugleich links- und rechtsbündig wird. Drei Reihen mit je 4-6 Bildern sind es bei mir in der Ansicht am Notebook-Bildschirm. Richtig gut sieht das aus. (Mein Notebook-Bildschirm hat — wie auch mein Tablet — eine Auflösung von 1280×800 Pixel.)

Auch richtig klasse sind die neuen Webansichten der eigenen Bilder, Alben oder Favoriten. Auch von jedem anderen User kann man sich diese drei Dinge optisch genauso schön anzeigen lassen. Leider war es das dann aber auch schon. Durchnavigieren über deren Kontaktlisten oder deren Gruppenlisten, wie es in der App so schön geht, kann man über das Webportal nicht. Auch im Flow der zuletzt hochgeladenen Bilder der eigenen Kontakte kann man nur 1 oder 5 Bilder pro Kontakt einstellen. Es fehlt die Zweidimensionalität der Navigation, wie sie die App bietet. Hier kommt das Webinterface also nicht einmal ansatzweise an die Funktionalität der App heran. Immerhin bietet es eine bessere Übersicht über die Alben-Titel (Beispiel hier).

Eine gute Idee finde ich auch die neuen Fotoseiten in der Webansicht. Sie bieten eine große Darstellung der Bilder auf schwarz gleichzeitig mit der weiß hinterlegten Kommentar- und Tagliste, die man durch Runterscrollen in den Fokus schiebt. Auch hier spürt man die gegenüber dem alten flickr gewollte Verlagerung der User Experience auf die Bilder und weg von den Texten. Dennoch erreicht man die Texte geschmeidiger als in der App. Das Durchblättern von Foto zu Foto in der Großansicht ist bei beiden Zugängen gleich gut, wobei man im Webportal vom Bild aus den Kontext wechseln, also das wahlweise „nächste“ Bild aus Fotostream, Album oder Gruppe wählen kann. Die alten 6×3-Ansichten mit kleinen Bildern gibt es bei Fotostream und Alben auch noch, wenn man weiß, wie man sie erreicht.

Eine ästhetische Katastrophe ist im Webportal die Ansicht der Gruppenbilder, denn hier wird man über die alte Gruppenliste geführt und optisch mit dem recht hässlichen alten flickr konfrontiert. Dieses taucht an vielen Stellen immer noch auf, z.B. wenn man ein Album kommentieren will. Immerhin sieht man die Albumbeschreibung jetzt auf dieser Kommentaransicht. Sie erschien früher nur auf der Thumbnails-Ansicht, die es nun zu recht nicht mehr gibt. Die neue Flow-Ansicht eines Albums ist optisch ein Quantensprung nach vorne, aber leider gibt es sie nicht auch für Tags. Man kann zwar auf einem Tag direkt zwischen „from this member“ und „from everyone“ auswählen, kriegt aber nur ganz winzige Minithumbnails in 6×4-Anordnung, was sehr schade ist, da ich Tags gerne als orthogonale Alben verwende, und man außerdem auch über Tags ja durch ganz flickr navigieren kann. In der Tablet-App haben Tags die gleiche Flow-Ansicht wie der Stream oder die Favoriten eines Einzelusers (Beispiel hier), allerdings nur umschaltbar von „Öffentliche Fotos“ auf „Meine Fotos“ und somit nicht als orthogonale Alben anderer User verwendbar.

Ich mag das neue flickr wie gesagt trotzdem wirklich sehr, am allermeisten aber das neue Geschäftsmodell. Gratis-Accounts haben nun alle Funktionen, d.h. man muss nicht mehr verdrängen, dass nach dem alten Geschäftsmodell gegen zwangsweise Depublikation nur das Zahlen bis ans Lebensende geholfen hätte. Endlich kann man flickr also auch Leuten empfehlen, die man nicht in ein lebenslanges Abo bzw. spätere Depublikation treiben oder über die man sich nicht stellen möchte, indem man selber mehr Funktionen hat. Die Fortsetzung des alten Geschäftsmodells hätte meiner Ansicht nach den Tod von flickr bedeutet, ebenso wie der Verzicht auf die rundherum gelungenen optischen Neuerungen. Ich bin jedenfalls begeistert und werde flickr wahrscheinlich nun mehr nutzen als bisher. Ich kann nur hoffen, dass Yahoo die Änderungen wegen der hier und da zu hörenden Proteste nicht zurücknimmt, sondern weiterentwickelt. Den bis jetzt eingeschlagenen Weg finde ich jedenfalls gut.

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3 Antworten zu Ich mag das neue flickr

  1. Pingback: Foursquare | Wolkenstich

  2. tas ransel schreibt:

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