Bremen autofrei

Am letzten Wochenende war in Bremen wieder autofreier Sonntag.

Im biologischen Reifeprozess fortgeschrittene Menschen denken (so wurde mir berichtet ;-)) bei dem Begriff dankbar zurück an die autofreien Sonntage wie wir sie Anfang der 70er Jahre wegen der Energiekrise in ganz Deutschland mehrfach hatten. Der vollständig ruhende Verkehr — damals noch mühelos vom vorhandenen Parkraum verkraftet — war jedesmal ein vorübergehendes Paradies. Die Erinnerung daran hält (bisher) ein ganzes Leben (heißt es ;-)).

Der „autofreie Sonntag“ in Bremen am letzten Wochenende war ganz anders. Es waren überhaupt gar keine Straßen ganz gesperrt, sondern nur von einer einzigen Kreuzung ausgehend ein paar Straßenarme jeweils ein paar zig Meter in jede Richtung, und es war auch nichts Ruhiges dabei, sondern es war dort einfach nur ein Straßenfest mit Showbühnen, Fressbuden und Infoständen diverser Organisationen. Laut, rummelig und mit eben dafür abgesperrter Kreuzung.

Warum das „autofreier Sonntag“ hieß (Volksmund und Medien) — bzw. „autofreier StadTraum“ (eigentlicher Veranstaltungstitel) erschloss sich auf den ersten Blick nicht. Nur über die auf den paar Metern scheinbar sinnlos hin- und herfahrenden Fahrzeuge (eine Pferdekutsche, ein offener Elektrokleinbus, eine Fahrraddroschke und lauter so komische Sachen) konnte man sich ggf. wundern. Und vielleicht doch ein bisschen träumen: Den Stadt-Traum des Autofreien eben. So kurz und am Rande wie es bei dem Rummel eben möglich war. Eigentlich war es nicht möglich.

Ich will über diese Veranstaltung gar nicht weiter berichten, denn das haben andere schon getan. Die Glucke z.B. schreibt „Außerdem fand die Hochstraßentour statt, bei der 20 Kilometer Straße für 4.000 Mit-RadlerInnen (auch Bremens Verkehrssenator Lohse war dabei) gesperrt wurden.“. Davon hatte ich beispielsweise überhaupt nichts mitgekriegt (und ich weiß auch bis heute nicht, welche Hochstraße das gewesen sein soll). Was ich aber mitgekriegt hatte, war der „Urbane Internationale Installationsspaziergang“, und den hatte ich dann auch mitgemacht.

Wie sich hinterher herausstellte, war es allerdings gar kein Urbaner Spaziergang, sondern ein Urbaner Spazierstand. Man stand erst an dem roten Strich, dann an dem gelben Strich und dann an dem grünen Strich. Und dann war das Ganze auch schon wieder vorbei. (Die Striche, etwa in Zebrastreifen-Breite, waren mit biologisch abbaubarer Farbe jeweils quer über die ganze Straße gemalt.) Organisiert wurde der Spazierstand wohl (so mein Eindruck) von zwei der teilnehmenden Frauen (über die ich aber nichts weiß). Diese hielten an den Strichen jedenfalls Reden. Die eine sagte wenig, dafür aber groben Unfug (z.B. „Straßenbahn ist ja nicht das, was man will.“), die andere sprach viel, aber dafür extrem schnell und in einem Tonfall, der einen körperlichen Abstand gebot, der ihre Mundgeräusche unter die eigene Hörschwelle senkte. Ansonsten wäre der Schmerz nicht auszuhalten gewesen. Ich habe es eine Zeitlang versucht, aber es klappte nicht. Na jedenfalls kam da keine Information rüber.

Ich will hier aber gar nicht meckern, denn auch die spontan mitgelaufenen Herren vom AAA haben Textbeiträge geleistet, und die wiederum waren sehr inspirierend und anregend. Ich habe meine Teilnahme allein deshalb jedenfalls absolut nicht bereut. Der grüne Strich symbolisierte z.B. vom fließenden Verkehr unterbrochene Wege, also die Behinderung von Fußgängern und Radfahrern durch Autos. Und der gelbe Strich symbolisierte vom ruhenden Verkehr blockierte Nutzung der Straßen, z.B. für verlängerten Wohnraum und verhinderte Begegnungen. Angeregt wurde auf dem Spazierstand auch, darüber nachzudenken, wie man breite Straßen umgestalten würde, wenn sie autofrei würden. Würde man sie bebauen oder würde man wegen der Wasserspeicherung zu Grün mit Feldwegen zurückkehren?

Auch eine Seitenstraße war ein Stück weit von Autos befreit, und auf genau die möchte ich mich mit den folgenden drei Fotos konzentrieren:

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Für mich war dieser Anblick prägend, denn er machte mir klar, dass wir „autofrei“ heutzutage gar nicht mehr denken können. Durch die vielen Verkehrsschilder wirkten die hier wegverbotenen Autos noch präsenter, als wenn sie dagewesen wären. Ich empfand diesen Anblick regelrecht als unangenehm. Man guckte sich ständig um in Erwartung von durchrauschendem Parkplatzsuchverkehr. Autofrei muss auch schilderfrei heißen (und Parkuhr-frei), und das war hier nicht gegeben.

Ein Blick zur Seite wiederum zeigte einen Bauzaun mit einem hilflosen Strauß Blumen. Das verstärkte den Wunsch, der (zudem noch komplett im Schatten liegenden) Straße möglichst schnell zu entfliehen. Ich habe auch niemanden gesehen, der den Infozettel durchlesen wollte.

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Ganz pfiffig fand ich hingegen den Straßen-Chat. Dort wurde etwas Alltägliches (ein Dialog in Textform) so dargestellt, dass sich etwas ergibt, was heutzutage eher nicht mehr vorkommt, nämlich eine Unterhaltung auf der Straße. Das hat unmittelbar etwas mit Autos zu tun (wer will sich bei Lärm, Gestank und Lebensgefahr auf der Straße schon unterhalten?), und man sieht es, weil eben keine Autos da waren:

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Der autofreie Sonntag ist jedes Jahr auf einem anderen Platz in Bremen. Ich glaube aber nicht, dass irgendjemand dabei etwas anderes wahrnimmt als normalen Rummel.

Ob wir trotzdem jemals echt „autofrei“ wieder denken lernen?

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