Meinungsaustausch

Ein Freund von mir sagte neulich in einem Gespräch, er sei an „Meinungsaustausch“ nicht interessiert. Obwohl es ein längerer Abend wurde, war ich nicht mehr dazu gekommen, das Thema nach dem Abklingen meiner Verdutzungsstarre nochmal aufzugreifen und ihn zu fragen, wie genau er das wirklich meinte. Er ist Künstler und macht hauptsächlich politische und diskussionsanregende Beiträge in Gemeinschaftsausstellungen. Gespräche mit ihm sind auch stets sehr anregender Meinungsaustausch, nicht zuletzt auch durch seine Werke provoziert. Ich komme an dieser Stelle darauf, weil ich heute nichts verbloggen, sondern eben einen „Meinungsaustausch“ anstoßen möchte. Und zwar in einer Sache, in der meine eigene Meinung eher noch im Stadium einer bloßen Frage ist, d.h. ich habe nichts zum Anregen oder Hinterfragen, sondern bloß meinerseits aufgekeimte Neugier. Das soll nicht heißen, dass ich hiermit bettelnd um Repliken zu diesem Beitrag bitte (ich verabscheue Blogposts, die mit „Und was meint Ihr dazu?“ o.ä. enden, da das fast immer genau die Leute schreiben, die die Antworten dann gar nicht lesen — und schon gar nicht darauf eingehen), denn es hilft mir oft bereits, die Frage ausformuliert zu haben.

Gestoßen bin ich konkret auf den Kommentar „We need to STOP victim-blaming!“ in einem Tumblr-Blogeintrag, der auf einen Artikel in der tollen Huffington Post verweist, der nach einem Screenshot förmlich schreit:

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Etwas weiter runtergescrollt sieht man auch den Tweet, auf den sich der Kommentar bezog. Er lautet: The „dont’t take naked pics if you don’t want them online“ argument is the „she was wearing a short skirt“ of the web. Ugh.

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Meine Frage nun: Sehen wir hier gerade einen Missbrauch der sehr wichtigen Debatte um Victim-Blaming im Gender-Bereich? Im Ernst: Was ist hier passiert? Da Vorgehen der Amis war doch im Grunde wie folgt:

  • Step 1: Die eigenen Kinder pervertieren, indem man ihnen die gleiche widernatürliche Scham gegenüber Nacktheit einprügelt, die man schon von seinen eigenen Eltern aufgedrückt bekommen hat.
  • Step 2: Dann aber dennoch — oder gerade deswegen — Nacktfotos von sich selber in eine Internet-Cloud hochladen, um sie bewusst Großkonzernen, Geheimdiensten, der Werbeindustrie und Hackern zur Verfügung zu stellen.
  • Step 3: Und sich schließlich mit einem „We need to STOP victim-blaming!“ in einem sozialen Netzwerk darüber beschweren, wenn jemand deren Verwendung in einem anderen sozialen Netzwerk in einem dritten sozialen Netzwerk mit „selbst Schuld“ kommentiert.

Darf ich es als unpassend empfinden, hier ein „sex offender“-Thema zu konstruieren, wenn es doch eigentlich primär ein Privatsphäre-im-Internet-Thema ist? Denn genau deswegen ist das Victim-Blaming in diesem Fall ja sogar geboten!

Aus meiner Sicht muss man Menschen, die glauben, dass nachhaltige Privatsphäre im Internet prinzipiell möglich sein könnte, nämlich darauf hinweisen, dass das Zeitalter der Aufklärung bei Ihnen offenbar noch nicht angekommen ist. Diese Aktion, „Privatfotos aus der iCloud“ (was ja fast ein Oxymoron ist) von Prominenten zu veröffentlichen, hat für mich den gleichen Stellenwert wie all die absurderweise gefeierten politischen Leaks um Diplomatendepeschen oder Geheimdienstaktivitäten: Sie sind zutiefst zu verabscheuen, aber irgendwie auch wichtig, da sie dummen Menschen einige der für sie verheerenden Illusionen rauben. In diesem Sinne ist der Hauptwert von Snowden die Kränkung von Lobo (wobei diese allerdings offenbar ergebnislos geblieben ist, da dieser gänzlich unbelehrt auch danach immer noch seinen Schwachsinn von „Datensouveränität“ blubbert, z.B: hier und hier).

Ich warte schon auf die ersten unfreiwilligen Veröffentlichungen von Promi-Gesundheitsdaten, die deren iWatches in die Cloud husten werden. Aber das Thema Privatsphäre nach der Zweiten Digitalen Revolution („Internet of Things“) will ich hier lieber nicht weiter verfolgen, zumal es offtopic ist. Mir war wie gesagt nur aufgestoßen, dass an den o.g. Stellen das Datenschutz-Thema mit einem Gender-Thema vermischt und so der Begriff Victim-Blaming zerrissen wurde, was wiederum dem Gender-Thema nicht guttut. Mir liegen aber beide Themen am Herzen. Ich wünsche mir nach solchen Vorfällen einfach eine intelligentere Debatte. Wenn ich mich mit unintelligente Dingen beschäftigen möchte, muss ich schließlich nur Facebook aufmachen:

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Dies ist ein Screenshot von heute morgen. Der redaktionelle Artikel, der hier zu sehen ist, war noch deutlich schlimmer als die Beiträge und Kommentare in der darüber erkennbaren Sabbelgruppe. Verglichen damit ist die Huffington Post fast intellektuell.

Immerhin ist all das wenigstens auch irgendwie „Meinungsaustausch“.

Und die These mit dem missbrauchten Begriff „victim-blaming“ musste ich einfach loswerden. Wozu sonst hat man ein Blog.

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