Fischerhude

Neblig war’s. Damals in Fischerhude. Es war November.

Sonniges Fischerhude

Aber bevor ich die Geschichte von Fischerhude 2012 erzähle, muss ich kurz abschweifen: Durch einen Artikel in der drei Jahre später, also November 2015 erschienenen Ausgabe 26 der Zeitschrift c’t wurde ich nämlich auf die App HyperFocal Pro aufmerksam. Sie berechnet die „hyperfokale Distanz“ zu einer Kameraeinstellung. Ich kannte den Begriff nicht, aber er ist offenbar ganz simpel: Das ist einfach die Entfernung von der Kamera, ab der Motive noch scharf werden, wenn man auf unendlich fokussiert hat. Es ist deshalb nützlich, diesen Wert zu kennen, weil das Unendliche gerade noch scharf bleibt, wenn man gezielt auf die hyperfokale Distanz fokussiert. Die Mindestentfernung scharfer Motive ist dann geringer als bei der Fokussierung auf unendlich und man erhält so die maximal mögliche Schärfentiefe.

Dieses „gerade noch scharf“ ist natürlich subjektiv, weil der „maximal tolerierbare Zerstreuungskreisdurchmesser“ (ein anderer Ausdruck für „gerade noch scharf“) eines nicht in der fokussierten Ebene liegenden Punktes vom Auge abhängig ist, also von der Seh- und Wiedergabeschärfe, der Bildvergrößerung und allerlei anderen Dingen. Die App berechnet daher einen Standardwert aus der Sensorgröße der ausgewählten Kamera und nimmt den für die Berechnung der hyperfokalen Distanz. Der folgende Screenshot zeigt den Zerstreuungskreiswert 0,017879846 mm für den großen Sensor meiner DSLR-Kamera (22,3×14,9 mm² also Crop-Faktor 1,6):

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[Screenshot mit der Auswahl der Sensorgröße „sensor size“ über das Kameramodell]

Ist die eingesetzte Kamera nicht in der Auswahlliste der App enthalten, kann man auch direkt die Sensormaße eingeben, sowie über einen Parameter der sog. Zeiss-Formel auch noch weiteren Einfluss auf den Zerstreuungskreiswert nehmen. Der folgende Screenshot zeigt die Berechnung des Zerstreuungskreiswerts mit dieser App mit dem voreingestellten Zeiss-Parameter auf dem Standardwert „modern“ für den kleinen Sensor meiner Bridge-Kamera (5,8×4,3 mm² also Crop-Faktor 6,1):

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[Screenshot mit Berechnung des Zerstreuungskreiswerts „circle of confusion“]

Ich kannte auch den Begriff Zerstreuungskreiswert nicht und kann mit der Zahl als solcher auch nichts anfangen. Aber ein weiterer Nutzen der genannten App ist, dass sie darüber auch den Begriff „Schärfentiefe“ als solchen quantifiziert. Beispiel: Laut der App hat man bei meiner DSLR-Kamera mit Brennweite 50mm und Blendenzahl 1,8 bei 1 Meter Motivabstand eine Schärfentiefe von 2,4 cm. Das ist eine Zahl, die einem alleine nicht viel hilft, die aber oft interessant ist im Verhältnis zur hyperfokalen Distanz. Der folgende Screenshot zeigt die gemeinsame Berechnung der beiden Werte:

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[Screenshot mit Berechnung der Schärfentiefe „depth of field“ und der „hyperfocal distance“]

Natürlich habe ich diese Werte für das Beispiel nicht zufällig gewählt, sondern weil ich das folgende Foto als Beispielfoto für diese Werte zeigen möchte:

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[Katzenbild 1]

Im nächsten Katzenbild (ja, es kommt noch eines) ist zum Vergleich eine 2,7fach höhere Brennweite gewählt (135mm), aber mit einem entsprechend um den gleichen Faktor höheren Motivabstand wieder ausgeglichen, so dass die gleiche Bildgröße erreicht wird. Die Schärfentiefe ist dadurch vom Wert her folglich nicht verändert, sondern nur der Bildwinkel (laut der o.g. App von 30,03° auf 11,35°), wodurch weniger Hintergrund zu sehen ist. Der Hintergrund, der noch zu sehen ist, erscheint wegen des geringeren Bildwinkels allerdings dichter, und dadurch wirkt die Schärfentiefe trotzdem geringer, obwohl die cm-Zahl gleich geblieben ist. Der folgende Screenshot zeigt, dass die App auch den Bildwinkel berechnen kann:

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[Screenshot mit Berechnung des Bildwinkels „angle of view“]

Zugleich ist im Vergleich zum ersten Katzenbild jedoch außerdem 4 Blendenstufen abgeblendet worden (auf Blendenzahl 7,1). Hierdurch wird die Schärfentiefe sehr wohl auch als Wert beeinflusst (dafür wiederum der Bildwinkel nicht). Sie ist laut der App jetzt 9,7 cm, wodurch auch der Hintergrund schärfer wirkt. Dieser Effekt der tatsächlich erhöhten Schärfentiefe durch das Abblenden ist hier stärker als der Effekt der scheinbar gesenkten Schärfentiefe durch den wegen des reduzierten Bildwinkels näher rückenden Hintergrund. Hier also das zweite Katzenbild:

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[Katzenbild 2]

Man sieht also im zweiten Bild einen weniger breiten und weniger unscharfen, sowie räumlich dichteren Hintergrund als im ersten Bild. Und was im zweiten Bild eigentlich auch ist, man aber nicht sieht, weil sich das Motiv nicht bewegt: eine höhere Bewegungsunschärfe. Denn um die gleiche Bildhelligkeit zu erreichen bedeutet 4 Blendenstufen abblenden ja 2 hoch 4 = 16mal längere Belichtungszeit. Ausgeglichen wurde hier durch eine zumindest 4mal längere Belichtungszeit (1/20s statt 1/80s), sowie eine etwas höhere Signalverstärkung im Sensor (ISO 6400 statt 5000) und vor allen Dingen eine bessere Motivausleuchtung (Licht von vorne).

Aber was hat das nun mit Fischerhude zu tun? Nun gut, ich beende also die Abschweifung und komme jetzt zur eigentlichen Story. Die, in der es nebelig war. 2012 in Fischerhude. Im November.

In diesem Bild ist eine Katze versteckt
[Fischerhude-Katze]

Diese November-Fotos in Fischerhude waren die letzten, die ich mit der o.g. Bridge-Kamera gemacht habe. Bisher einzige Ausnahme: Im Sommer 2015 habe ich nochmal ein Album von Surf-Bildern damit aufgenommen. Hier ein Foto daraus (Brennweite 69,4mm; Blende 5,6; Belichtungszeit 1/1300s; ISO 100):

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[Surf-Bild]

Die hyperfokale Distanz ist hier laut App 177 Meter. Die Höhe des Sichtfeldes schätze ich auf gut 3 Meter, so dass sich laut App ein Motivabstand von 50 Metern ergibt. Der folgende Screenshot zeigt, dass die App auch das Sichtfeld berechnen kann und sich somit eignet, im Nachhinein einen Motivabstand zu ermitteln (den man dann für die Berechnung der Schärfentiefe braucht):

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[Screenshot mit Berechnung des Sichtfeldes „field of view“]

Mit dem oben errechneten Standard-Zerstreuungskreiswert ist die Schärfentiefe hier laut App somit 31 Meter. Es war also wichtig, auf den Surfer zu fokussieren. Bei Fokussierung auf den Hintergrund (einfach draufhalten) wäre er unscharf geworden. Auch bei einer Fokussierung auf die hyperfokale Distanz (Hintergrund gerade noch scharf), wäre der Surfer nicht in die Schärfezone gekommen. Dafür waren der Motivabstand bzw. die Blendenzahl zu gering. (Die Blendenzahl war gewollt so niedrig, da ich weder mit dem ISO-Wert rauf, noch mit der Belichtungszeit runter gehen wollte. Ich wollte ein rauschfreies Bild ohne Bewegungsunschärfe.)

Interessant ist noch, welche Werte ich bei der DSLR hier hätte nehmen müssen, um auf die gleiche Schärfentiefe und Bildgröße zu kommen. Die Antwort ist einfach: Die Blendenzahl sollte man mittels der Crop-Faktoren der Sensoren direkt umrechnen können: 5,6 * 6,1/1,6 = 22. Diese Blende kann man bei DSLR-Objektiven tatsächlich einstellen, erhält damit aber nicht mehr bei jedem Objektiv auch noch scharfe Bilder.

Bei der Brennweite wiederum ergibt sich bei sehr großem Motivabstand ebenfalls dieser Umrechnungsfaktor: 69,4mm * 6,1/1,6 = 265mm. Ich hätte hier also ein fettes Tele-Objektiv einsetzen müssen. So eines hätte ich gar nicht gehabt, denn mein 7,5x-„Reisezoom“ geht nur 18-135mm. (Es war in der Tat auch Zoomstufe 15x bei der Bridge, die von 4,6-82,8 mm Brennweite geht, also sehr starkes Tele.)

Kurzum: Um mit der DSLR auch nur annähernd solche Bilder machen zu können, bräuchte es ein Spezialobjektiv, dass dreimal so viel kostet, wie die ganze Bridge-Kamera – und alleine auch schon dreimal so viel wiegt. Der kleine Sensor der Bridge ist hier einfach deutlich überlegen.

Auch die ersten beiden (DSLR-)Katzenbilder oben sind mit verschiedenen Objektiven gemacht, die zudem einige der Einstellungen bereits vorgegeben haben: Bei dem ersten musste die Belichtungszeit so kurz gewählt werden, weil es keinen Bildstabilisator hat, und bei dem anderen musste so weit abgeblendet werden, weil das Bild sonst nicht scharf geworden wäre. Das erste Objektiv kann außerdem nur diese eine Brennweite, bei dem zweiten war der „Reisezoom“ am Anschlag. Ein Zoom-Objektiv bis 135mm, das bei 50mm eine Blendenzahl von 1,8 schafft, gibt es leider nicht für meine Kamera, so dass ich zwei Objektive zum wechseln brauchte.

Aber Fischerhude ist hier das Thema. Was war nun in Fischerhude im Nebel passiert? Was hatte mich veranlasst, direkt danach von der Bridge auf eine DSLR umzusteigen, obwohl mir alle ihre Nachteile bekannt waren? Nachteile und Rückschritte wie

  • dass ich Objektive zwar nun wechseln kann, aber auch muss, weil jedes nur bestimmte Dinge kann
  • dass ich Kompaktheit und Federleichtigkeit verliere und durch einen klobigen und schweren Klotz ersetze
  • dass ich nun keinen elektronischen Sucher mehr habe, sondern nur noch einen optischen, so dass ich das Bild nicht mehr vor der Aufnahme sehen kann
  • dass ich mir statt lautlosem Auslösen nun eine laut klackende Verschlussblende und einen Spiegelschlag eingehandelt habe

Nun: Der Anlass war, dass der kleine Zoom-Hebel der Bridge bei dem Wetter in Fischerhude so schwergängig wurde, dass er mit Handschuhen nicht mehr zu bedienen war, und ich unbedingt einen griffigen Zoomring am Objektiv haben wollte. Das hatte mich so aufgeregt, dass ich schließlich kurzfristig handelte. Die eigentliche Ursache für die Entscheidung in Richtung DSLR war aber, dass ich nach über fünf Jahren mit der Bridge von ihren Fähigkeiten gelangweilt war. Ich wollte mich verschlechtern, um die Herausforderungen zu erhöhen bzw. zu verschieben. Ich war daher bewusst auch ins Einsteiger-Segment bei den DSLR gegangen und hatte eine „Canon EOS 650D“ gewählt. Und auch das ausgesuchte Kit-Objektiv „Canon EF-S 18-135mm f/3.5-5.6 IS STM“ war gewollt nicht gut. Im Weitwinkel war alles total verzerrt und im Tele extrem unscharf, wenn man nicht manuell stark abblendete. Der Zoom war auch viel schwächer als bei der Bridge (7,5x statt 18x), und auch lichtschwächer in dem Sinne, dass die Offenblenden höhere Blendenzahlen hatten, also für die gleiche Belichtungszeit höhere ISO-Werte brauchten. Ich wollte sehen, wie all diese Einschränkungen meine Fotografie veränderten.

Und das Fazit: Im Artikel Nichts bereut hier in diesem Blog schrieb ich schon vor 28 Monaten den Schlusssatz „Hiermit möchte ich kundtun, dass ich es nicht bereut habe. Das Fotografieren macht damit einfach mehr Spaß!“. (Dort sind auch aussagekräftige Vergleichsbilder von Bridge und DSLR/Kit-Objektiv zu den Themen Telereichweite und Weitwinkelverzerrung zu sehen.) Dies gilt auch heute noch. Abgesehen davon gab es auch neue Möglichkeiten, insbesondere im Bereich kurzer Belichtungszeiten bei schlechtem Licht. Hier z.B. das Titelbild aus dem Album Weihnachtsmarkt Bergedorf vom Dezember 2012. Die kurze Belichtungszeit von 1/80s (dank ISO 12800!) wäre mit der Bridge hier völlig unmöglich zu erreichen gewesen:

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[Feuer-Bild]

Knapp drei Jahre später, also gerade jetzt erst in 2015, hatte ich dieses Erfolgsrezept der technischen Beschränkung sogar noch einmal wiederholt und mich mit dem Zweitobjektiv „Canon EF 50mm f/1.8 STM“ nochmal gewollt weiter verschlechtert: Kein Bildstabilisator mehr, und ganz und gar kein Zoom. Und auch nicht mehr so ein schneller lautloser Fokus wie beim Kit-Objektiv. Dafür aber die Option auf noch geringere Schärfentiefen und damit noch kürzere Belichtungszeiten. Und somit die Möglichkeit, Bilder zu machen, die noch weiter weg sind von den Fähigkeiten der Bridge. (Das erste Katzenbild oben ist so ein Beispiel.) Was soll ich sagen: Ich bin begeistert.

Fischerhude.

Dort fing es an, richtig Fotografie zu werden.

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