Smart-Koks

Eine Smartwatch am Arm zu tragen, um die Zeit anzuzeigen, ist ungefähr so, wie ein Smartphone ans Ohr zu halten, um zu telefonieren. Behaupte ich.

Was will ich mit diesem Vergleich sagen? Dass man das zwar jeweils machen kann, aber dass es eben nicht mehr der Hauptzweck des Gerätes ist? Oder dass es mit den dedizierten Geräten, bei denen es der Hauptzweck war, sogar besser ging? Oder will ich mit dem Vergleich sagen, dass man diese Dinge mit den „Smart“-Geräten so oft überhaupt nicht mehr macht? Oder deutlich anders macht?

Und wie stark hinkt dieser Vergleich? Für wenig hinken spricht, dass beide Geräte klassische Gadgets sind (Armbanduhr, Mobiltelefon), die mit erweiterten Funktionen versehen wurden, deren Sinnhaftigkeit, sich nur langsam erschließt — aber Menschen, die schon damit aufgewachsen sind, angeblich in besonderer Weise. Für viel hinken spricht, dass noch überhaupt niemand mit Smartwatches aufgewachsen ist und deshalb keiner weiß, wie Smartwatches von solchen Menschen getragen werden — und wie sie dann überhaupt aussehen und benutzt werden.

Bleiben wir mal bei der These, dass man mit „Smart“-Geräten manche Dinge „deutlich anders macht“. Sascha Lobo fragte z.B. kürzlich Was ist das für eine komische Geste beim Telefonieren? und gab auch gleich die Antwort: „Das Smartphone wird beim Telefonieren nicht mehr ans Ohr gehalten, sondern wie ein koksbestreuter Taschenspiegel vor die Nase. […] Der Unterschied zu den Telefoniergesten vergangener Epochen (Hörer ans Ohr pressen) ergibt sich nämlich gar nicht aus dem merkwürdigen Verhalten der jüngsten Generation, sondern ist ein Ausweis der Gewohnheit der älteren Generationen, die wiederum aus einer längst vergangenen Technologie-Epoche übriggeblieben ist. […] Die Smartphone-Generation hat den historischen Verhaltensballast des Ohrpressens abgeschüttelt und durch ergonomisch und körperökonomisch sinnvolle Verhaltensweisen ersetzt. […] Das klassische Telefonat war eine völlig künstliche Mediengattung, starr, penetrant und gestrig. Aus der Funktionenarmut und Technologienot geboren, entstanden durch die Limitationen altertümlicher Technik.“

Es gibt also tatsächlich eine „Smartphone-Generation“, und man erkennt sie am Verhalten. Nehmen wir das mal so hin und hinterfragen an anderer Stelle, ob das nicht doch völliger Mumpitz ist. An dieser Stelle hinterfragen wir erstmal nur dies: Wird es auch eine „Smartwatch-Generation“ geben? Die Antwort findet man indirekt auch bei Lobo: Er bezeichnet das Smartphone in dem eben genannten Artikel als „Taschenplattform, die jüngster und machtvollster Kristallisationspunkt des digitalen Kapitalismus ist“. Wenn man den Gedanken — also den „digitalen Kapitalismus“ als Treiber — auf die Smartwatch anwendet, dann wird es bei dem heute „Smartwatch“ genannten — ich nenne es mal abstrakter „schmucken Gadget mit engem Körperkontakt“ — nicht um das gehen, was es besser signalisieren kann (durch Vibration, Stöße, Geräusche und Anzeigen), und auch nicht um Interaktion (schnellere, einfachere Reaktion auf Ereignisse), sondern um das, was es misst. Die Smartwatch ist ein Sensorpaket. Sie stellt Körperdaten ins Internet. Oder frei nach Lobo: Sie wird ein Kristallisationspunkt des digitalen Kapitalismus auf den Sensordaten.

Dieses „schmucke Gadget mit engem Körperkontakt“ heißt heute schon neudeutsch meist „Wearable“ und nur selten „Smartwatch“, weil die meisten Wearables gar nicht den Charakter einer Uhr haben. Der Begriff „Smart“-Uhr ist nur interessant, weil es eben auch ein „Smart“-Telefon gibt. Also jeweils den Versuch, ein unbekanntes Gerät über eine bekannte Funktion von historischen Geräten zu vermarkten. Der Vergleich hinkt also nicht, und er sagt auch was. Eine Smartwatch am Arm zu tragen, um die Zeit anzuzeigen, ist tatsächlich ungefähr so, wie ein Smartphone ans Ohr zu halten, um zu telefonieren. Man hat erstmal etwas, das man kennt, und es ist jetzt zusätzlich „smart“. Und was dieses „smart“ einem bringt, das kriegt man dann schon irgendwann raus — oder eben nicht. Aber wenn man es wissen will, ist ausprobieren angesagt.

Ich erinnere mich, wie ich Anfang des Jahres mal versucht hatte, das ohne auszuprobieren rauszukriegen. Im Blogeintrag Health hatte ich versucht, aus einer spekulativ und theoretisch ermittelten Nutzenssteigerung gegenüber dem Smartphone als alleinigem Gerät einen Gerätekaufwunsch für ein Wearable abzuleiten. In dem Beitrag diskutiert hatte ich so Fragen wie „Welche Daten werden heute (in welcher Qualität?) schon erhoben und mit welchem Nutzen? Wie kann ich den Einsatz der Daten verändern, um den Nutzen für mich zu erhöhen? Wie kann ich die Qualität der Daten verändern, um den Nutzen für mich zu erhöhen?“. Aber tatsächlich ausprobiert hatte ich nichts. Und so weiß ich bis heute nicht, wie es so ist, wenn die Armbanduhr „smart“ ist. Wo ist da das Koks?

Aber wenn ich nun erstmal einfach irgendein Gerät kaufen und benutzen will, um das Theoretisieren durch was Reales zu unterbrechen. Welches nehme ich denn dann? Wonach gehe ich? Die Antwort ist klar: Ich bin die „ältere Generation, die aus einer längst vergangenen Technologie-Epoche übriggeblieben ist“, also nehme ich etwas, das schon etwas darstellt, was ich kenne: Also kein futuristisches Wearable, sondern eine klassische Smartwatch. Eine Armbanduhr. Und ich gehe auch nach den klassischen Kriterien: Sieht gut aus und kann die Zeit anzeigen. Und vielleicht als klitzekleines Zusatzkriterium: Es muss irgendwie mit dem bestehenden Android-Handy zusammenspielen, und die in Health beschriebenen heute bereits erhobenen Smartphone-Daten müssen besser werden. Es braucht also nativen Support von Google Fit.

Der erste Blick geht naheliegenderweise auf das Portfolio von Android Wear. Denn das unterstützt Google Fit und Google Now per Definition nativ. Leider ist da aktuell nichts für mich dabei, was ich schön finde.

Der zweite Blick geht auf Samsung Gear. Die „Gear S3 frontier“ sieht schick aus (und hat das für eine Uhr sensationelle Feature einer „Always-on“-Zeitanzeige!), ist aber zu riesig und zu teuer. Dann lieber den Vorgänger erwägen: Die „Samsung Gear S2 Classic R7320 schwarz“ sieht auch ok aus und ist inzwischen satt im Preis gefallen (auch bei Amazon und bei Saturn auf unter € 300,-). Bedauerlicherweise steht in Cachys Blog dazu „Google Fit mochte die Daten der Gear S2 nicht, beziehungsweise bot mir gar nicht an, dass ich diese in Google Fit übernehme.“ und „Das Vibrieren der Gear S2 ist nicht nur laut, sondern auch nicht so eindringlich, wie man es erwarten würde. Es kam öfter vor, dass ich eine Vibration zwar gehört, aber nicht gespürt habe, obwohl die Smartwatch definitiv nicht zu locker angebracht war.“ sowie „Das Armband der Gear S2 ist fest mit dem Gehäuse verbunden. Also nicht fest im Sinne von „lässt sich nicht wechseln“, aber der Winkel, in dem das Armband das Uhrengehäuse verlässt, ist vorgegeben.“. Andere berichten Ähnliches. AndroitPit z.B. „eingefleischte Google-Nutzer müssen mit der Gear S2 auf liebgewonnene Apps wie Google Fit und Google Now verzichten und auf Samsung S Health und S Voice umsatteln“ und „Das Armband ist zwar flexibel und komfortabel zu tragen, aber an dem Uhrengehäuse ist es sehr steif und das kann für breite Handgelenke schmerzhaft werden.“.

Samsung Gear steht also nicht nur für ein eigenes Betriebssystem bei sämtlichen Wearables (namens Tizen), sondern auch für den Zwang zu den hauseigenen Plattformen für Healthdaten, Spracherkennung und Informationskarten. Dass man Samsung Gear mit Android benutzen kann, ist somit eine Falschinformation. Gemeint ist nur das Zusammenspiel mit Android-Geräten, aber eben nicht mit den Standard-Android-Diensten, um die es geht. Im Artikel Marktforscher sehen nur langsames Wachstum bei Smart-Watches bei Heise heißt es außerdem: „Für das Betriebssystem Tizen, auf das Samsung bei seinen Smartwatch-Modell setzt, sieht IDC hingegen nur eine eingeschränkte Nachfrage. Die Experten rechnen bis 2020 mit einem Anstieg der Verkäufe von 2,6 auf 3,8 Millionen Geräte, während der Marktanteil von rund 13 auf 7 Prozent fallen werde.“. Kurzum: Samsung ist bei Wearables ein völliges No-go. K.O.-Kriterium ist hier nicht nur das eigene App-Ökosystem (Tizen statt Android Wear), sondern eben vor allen Dingen der Zwang zu den eigenen Datenplattformen. (Hier sieht man, dass es der Industrie nicht nur um den Geräteverkauf, sondern vor allen Dingen um den „digitalen Kapitalismus auf den Sensordaten“ geht — siehe oben.)

Bleibt noch der dritte Blick: Und der geht auf die Apple Watch. Natürlich fällt die gleich raus, weil sie nicht einmal überhaupt mit Android-Smartphones benutzt werden kann. Sie hat nicht nur ebenfalls ein eigenes Betriebssystem (Apple watchOS) und damit App-Ökosystem — und natürlich ebenfalls den Zwang zu eigenen Datenplattformen (Apple Health und Siri) — sondern sogar noch den Zwang zum iPhone. Sie ist eine iPhone-Extention. Kein Wearable. Als Android-User muss ich mir also keine Gedanken machen, ob die Apple Watch einen Nutzen hat oder nicht, denn sie hat unstrittig überhaupt keinen Nutzen, da sie ohne iPhone nicht betrieben werden kann. Ich darf mir aber Gedanken machen, ob ich sie schön finde. Und ich finde. Zumindest manche Modelle.

Beispiel: Apple Watch Series 2 (Aluminiumgehäuse Gold, Armband gewebtes Nylon Kaffee/Karamell, 449 Euro). Alternativ gibt’s das auch 41 Euro billiger, nämlich als Apple Watch Series 1 (Aluminiumgehäuse Gold, Sportarmband Kakao, 349 Euro) plus dem gewünschten Armband (gewebtes Nylon Kaffee/Karamell, 59 Euro) als separates Zubehör. Für die 10% Aufpreis für Series 2 kriegt man die Watch mit einem etwas helleren Display bei grellem Umgebungslicht, etwas wasserdichter und mit einem Not-GPS (mit starkem Akkuverbrauch). Das braucht man alles definitiv nicht, aber man braucht ja auch die ganze Apple Watch nicht, insofern wäre es für den Wiederverkaufswert wahrscheinlich besser, die Series 2 zu nehmen — auch wenn man dann nur 1 Armband hat (aber das zusätzliche Sportarmband braucht man ja auch nicht). Idealerweise würde es die Series 1 gleich zusammen mit einem schicken Armband geben, so dass man mit 349 Euro insgesamt auskäme, was ja auch schon genug Geld ist. Aber leider ist das nicht der Fall — und mangels Android-Support zugleich irrelevant. Denn wer iPhone nicht will, kann eben auch nicht Apple Watch.

Und nun bin ich am Ende. Samsung und Apple scheiden aus den beschriebenen Gründen aus, und im gesamten Bereich von Android Wear finde ich derzeit nichts, was mich optisch anspricht. Ich stoße bei der Recherche allenfalls auf Artikel wie den von 9to5Google: It looks like LG, Motorola and Huawei are jumping off the Android Wear train for this year. Von allen anderen kommt aber leider momentan auch nichts Brauchbares.

Vielleicht ist die Zeit für Smartwatches einfach noch nicht reif. Das Koks muss warten.

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Eine Antwort zu Smart-Koks

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