Mastodon macht Lust auf Twitter

Ja, Mastodon. Es geht in diesem Beitrag jetzt wirklich um Gargrons Mastodon. Ich will wissen, was das ist, und was das mit Twitter zu tun hat. Heise fragte schon am 5. April „Ist Mastodon das bessere Twitter?“. Nun, Posts heißen bei Mastodon „Toot“ (Slang für Furz) anstatt wie bei Twitter „Tweet“ (Gezwitscher eines süßen kleinen Vögelchens), was eigentlich ein Grund ist, sich nicht damit zu beschäftigen. Aber Gründe sind eh überbewertet.

Diverse HOWTO-Guides zu Mastoton wie die von Quartz und von opensource.com habe ich gelesen. Ich weiß also, wie man es benutzt. Auch Kommentare wie die von Socialnerdia oder von Gründerszene, die es als bereits gescheitert klassifizieren, habe ich gelesen und ich zweifle auch nicht daran, dass diese recht haben, denn Mastodon ist viel zu offen. Eine derartige Offenheit verunmöglicht gesellschaftliche Inklusion, d.h. Mastodon kann sich schon deswegen nicht zu einer Plattform für alle entwickeln, insbesondere nicht zu einer, aus der eine gesamtgesellschaftliche Infrastrukur entstehen kann, wie es bei Twitter längst der Fall ist.

Mir reicht diese Erkenntnis aber noch nicht. Ich will wissen, was Mastodon wirklich ist. Also für die, die da sind, denn es steckt immer irgendeine Kultur dahinter, aus der heraus sowas entsteht. Einen ganz guten Einblick konkret zu Mastodon bietet z.B. der Bericht von RobekWorld. Man kommt da mit den ganzen Vokabeln aber schnell durcheinander. Meine erste These dazu ist, dass man für sich zunächst von der Firma/Produkt-Denke wegkommen muss. „Twitter“ ist Firma und Produkt. Beispiele, bei denen Firmenname und Produktname unterschiedlich sind, sind Google Buzz, Google Wave, Google Orkut und Microsoft So.cl? Alle tot (und inzwischen alle ganz abgeschaltet), aber als „Firmenname Produktname“ gedanklich leicht identifizierbar. Bei dem nicht-kommerziellen Gelöt geht es aber eher um Projekte/Protokolle/Philosophien/Software/Softwareinstanzen, die alle für sich irgendwelche Titel haben, irgendwie auseinander hervorgingen oder ineinander aufgingen und irgendwie immer noch zusammenhängen. Und diese Historie trägt dann auch die Kultur der Leute, die dort sind.

Ich selber kann die kommerzielle und die nicht-kommerzielle Welt bei den sozialen Netzwerken und Microblogging-Plattformen kaum auseinanderhalten. Ich erinnere mich z.B. an Path und an Diaspora, sowie an App.net und an Ello. Ein bisschen auch an Identi.ca und an Quitter.se, und auch Peach sagt mir noch was. Ein klein bisschen weiß ich auch von GNU social und von StatusNet. Aber immer nur aus User-Sicht. Wie das alles hinter den Kulissen wirklich zusammenhängt und was in den zugehörigen Szenen darüber diskutiert wird, erschließt sich mir eher nicht so wirklich. Darum kann es in diesem Beitrag hier also auch nicht gehen. Ich muss da auf die zahlreichen Links verweisen, mit denen ich die Begriffe in diesem Beitrag hinterlege, und die ich am Ende auch noch einmal gebündelt anführen werde.

Der aktuelle Hype in der Szene ist Mastodon, weil das gerade in einer Wachstumswelle ist. Einfach selber ausprobieren hat mir bei Mastodon aber bisher nicht geholfen, es wirklich zu verstehen. Ja, ich habe mir aus der Liste eine Instanz ausgesucht. Und aus der anderen Liste eine App. Als Instanz habe ich social.tchncs.de genommen, weil das eine .de-Domain ist und weil die dort eingespielte Mastodon-Version immer direkt auf den Github-Master geht und nicht erst auf das Release wartet. (Weil die Software also sehr aktuell gehalten wird.) Und als (Android-)App habe ich mir Tusky ausgesucht, weil mir der Name gefällt. Angenehmerweise gefällt mir auch die App selber, und das sogar sehr gut.

Natürlich braucht man gar keine App aus dem Store, um Mastodon auszuprobieren, denn man kann ja auch einfach im Webbrowser seines Smartphones auf seiner Mastodon-Instanz „Zum Startbildschirm hinzufügen“ auswählen und dann die Mastodon-Webapp über das Mastodon-Icon starten. In der Benutzung ist das von einer Android-App dann nicht mehr unterscheidbar. Da in der Mastodon-Webapp aber der leidige Dark Mode nicht abschaltbar ist (was ich untragbar nerdig finde), greife ich dann doch lieber zu Tusky, denn da ist er abschaltbar. Apropos Webapp: Twitter hat mit Twitter Lite kürzlich eine zweite Webapp vorgestellt. Hier lohnt sich das „Zum Startbildschirm hinzufügen“ besonders, da es als richtige Google Progressive Web App eine echte Konkurrenz zur Twitter App aus dem Store darstellt. Mehr Info zu Twitter Lite bei Twitter, denn hier geht es ja um Mastodon.

Auf Mastodon unterhalten sich Leute über Mastodon und sagen dabei komische Dinge über Mastodon. Z.B. verlinkt @jensscholz@mastodon.cloud in seinem Toot auf seinen Blogartikel über Mastodon und schreibt darin u.a. „GNU social ist schon längst relevant und etabliert.“ (er meint hier wohl das auch für Mastodon geltende „federated social network“-Prinzip über das von GNU social verwendete OStatus-Protokoll und eher nicht die gleichnamige PHP-Software oder die verteilte Plattform, die dessen Instanzen bilden) und „Ein soziales Netzwerk, das wirklich für alle Menschen und für jeden Bedarf wirklich gleich gut funktioniert, kann kein kommerzielles Produkt sein.“, was eine interessante Sichtweise ist, denn tatsächlich ist es ja genau andersrum. Aber vielleicht braucht man auf Mastodon diese verdrehte Sichtweise, um an Mastodon glauben zu können. Auf Twitter ist Mastodon eine Metalband.

Es gibt übrigens weit mehr als nur das OStatus-basierte Fediverse, zu dem auch Mastodon gehört. Z.B. basiert identic.ca heutezutage auf pump.io, und friendi.ca kann Kontakte aus Twitter, Diaspora, pump.io und StatusNet/GNU social einbinden. Was also macht nun gerade Mastodon interessant?

Nun, für mich zumindest sind drei Dinge an Mastodon interessant:

  • Ding 1 ist uralt und hat nichts mit Mastodon zu tun. Es geht da um den Unterschied zwischen einem Fediverse und einem zentralen Server.
  • Ding 2 ist brandneu und hat alles mit Mastodon zu tun. Es geht da darum, ob Mastodon für Twitterer interessanter werden könnte als Twitter. Und wenn ja, wodurch?
  • Und Ding 3 ist die Frage, wieviel diese beiden Dinge 1 und 2 eigentlich miteinander zu tun haben und wieviel nicht.

Ich persönlich glaube, dass Ding 2 eine sinnlose Frage ist, da es „den Twitterer“ gar nicht gibt. Es gibt bei Twitter Leute wie mich, die gelegentlich „Gedanken zwitschern“ oder mal bei Events Tweet-Stakkatos raushauen oder verfolgen (z.B. gemeinsames Tatort-Gucken oder Veranstaltungen besuchen), und es gibt Leute, die dort hauptsächlich Konversationen mit ihren Kontakten treiben, was ich z.B. bei Twitter eher nie mache. Vielleicht gibt es dort auch Leute, die dort Pressemitteilungen lesen (zumindest hat die Tagesschau Twitter schon mal als „Kurznachrichtendienst“ bezeichnet, was ich sehr lustig — und ignorant/einfältig — fand). Von manchen wird Twitter auch als Suchmaschine verwendet. Gestern nachmittag saß ich z.B. bei Grete’s mit lecker Milchkaffee und verfolgte die Events #koeln2204 und #marchofscience.

Ob Mastodon für Twitterer interessant werden könnte, hängt also wesentlich davon ab, was mit Twitter gemacht wurde. Volltextsuche kann es bei Mastodon z.B. prinzipbedingt gar nicht geben. Suchen kann man nur nach Usern. Im Moment kann man nicht einmal nach Hashtags suchen. Nur wenn man schon einen Hashtag in einem Toot hat, dann kann man darauf klicken. Aber auch dann kriegt man nur die Suchergebnisse aus der „fererated timeline“ der verwendeten Mastodon-Instanz. Und das ist auch wieder prinzipbedingt so, also kann das und wird (und sogar soll) sich auch nicht ändern. Und damit ist auch Ding 3 beantwortet, denn letztendlich ist es alleine Ding 1, das Mastodon ausmacht. Die kleinen Unterschiede (keine Algorithmen, keine Werbung, usw.) sind peng. Alleine das 500-statt-140-Zeichenlimit ist meiner Meinung nach ein Killer-Feature. (Ich halte es aber ja bekanntlich auch für eine historische Fehlentscheidung, dass sich Twitter kürzlich im letzten Moment dann doch noch wieder dagegen entschieden hat, das auch zu machen.)

Ding 1 ist unbedingt noch erklärungsbedürftig, insbesondere was bei Mastodon in der „federated timeline“ drin ist. Da es den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde, muss ich dazu allerdings auf die Konversation an diesen Toot von @nightpool@cybre.space verweisen. Dort wird „The current list of ways something can get into the federated timeline“ erklärt und diskutiert. Im Prinzip sind das alle Toots, die der Server (auf dem die Mastodon-Instanz läuft) sieht, weil einer seiner User in irgendeiner Weise damit interagiert hat. Das kann auch indirekt sein, z.B. wenn „someone from your server is following someone who replied to that user“ geschehen ist. In dem Fall hat man dann – weil Konversationen auf jedem Server vollständig einsehbar sein müssen – genau diesen einen Toot von demjenigen User in seiner federated timeline. Aber eben auch nur diesen einen. Es sei denn, dem User, dem hier geantwortet wurde, folgt noch ein anderer User der eigenen Mastodon-Instanz. Dann sieht man alle von dessen Toots.

Ich will das gar nicht noch genauer erklären, weil das für meinen Punkt nicht wichtig ist. Das Fazit ist wichtig, und das Fazit hier ist: Je weniger User eine Instanz hat, desto individueller ist die federated timeline dieses Servers. Was Mastodon also ganz besonders ausmacht: Es gibt gar nicht eines, sondern ganz viele. Die Instanz, die ich ausprobiert habe (siehe oben) hat zum Zeitpunkt des Schreibens etwas über 7.000 von den gut 432.000 Mastodon-Usern insgesamt, wobei bereits knapp 1.300 Mastodon-Instanzen gelistet waren. Mastodon ist also eigentlich ein Forensystem. Dass deren Instanzen zu einem Fediverse verbunden sind, macht dieses aber insgesamt nicht zu einer Plattform, die mit einer zentralistischen Plattform wie Twitter überhaupt sinnvoll vergleichbar ist. Insbesondere nicht, weil man die local und federated timelines anderer Mastodon-Instanzen nicht einsehen kann, ohne auch dort ein separates Userprofil zu haben. Man kann selbst auf der eigenen Instanz nicht sehen, welche Toots die anderen User gefavt haben, denn 1. sind Favoritenlisten anders als bei Twitter privat (sie erscheinen nicht einmal im User-Profil) und 2. gibt es keinerlei Ticker-Seite, die die Aktionen (follow, fav, usw.) der befolgten User auflistet. Das Mastodon-Fediverse hat also nicht nur defacto nichts von Twitter, sondern auch absolut gar nichts von einem sozialen Netzwerk.

Allenfalls mit „Dark Twitter“ könnte man es vergleichen. Das sind die nicht-öffentlichen Neben-Accounts, die manche Leute bei Twitter haben, um über dieses Medium private Konversationen zu fahren. Sowas könnte man mit Mastodon natürlich genauso gut machen. Das Feature, dass man bei Mastodon die Privacy auf Toot- und nicht bloß auf Account-Ebene einstellen kann (wie bei Twitter), halte ich allerdings für einen Bug, jedenfalls so lange man keine Listen pflegen kann, also Rechteeinschränkungen nur auf die begrenzen kann, denen man folgt (es gibt „Public“, „Public, but do not display on the public timeline“ und „Only show to followers“). Man sieht auch hieran, dass bei Mastodon vieles nicht von den Usern und ihren Use Cases her durchdacht ist. Aber Mastodon ist eben auch kein Produkt, sondern nur ein weiteres Phänomen einer bestimmten Szene und ihrer gewachsenen Kultur. Den von @zipdrive@darksocial.party verwendeten Begriff des „Mastodorks“ finde ich hier ganz passend.

Nun denn. Das Maskottchen von Mastodon ist sinnigerweise ein ausgestorbenes Rüsseltier. Aber mir machte Mastodon zumindest wieder echt Lust auf Twitter.

Und hier nun wie versprochen zur weiteren Lektüre die 39 Links hinter diesem Text nochmal gebündelt:

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