Die Grenze des Erträglichen

Ich wurde gebeten, diesen Text zu kommentieren. Ich habe es versucht, aber ich finde keinen Ansatz. Der Text versprüht in fast jedem Satz die Intellektualität einer BILD-Leser*in und die Kultur einer AfD-Wähler*in. Und damit komme ich einfach nicht klar. Fast alles im Text ist inhaltlich falsch, meist bis ins extremste Gegenteil des Faktischen verkehrt. Es wimmelt von Vorwürfen und Opfererzählungen. Schuld sind natürlich die Regierung und vermeintlich offene Grenzen. Personen werden als „Antimenschen“ diffamiert und „einen Virologen, der sich für den einzig fähigen in diesem Land hält und andere Meinungen beiseite wischt als wäre er allwissend“, greift die Autor*in an, weil dessen Wissen (!) ihrer Meinung (!) widerspricht. Sagen darf man heutzutage natürlich auch nichts mehr („Es werden noch Zeiten kommen, in denen eigene Gedanken einen Strafbestand darstellen.“), und weil das so ist, wiederholt man gleich noch ein weiteres Mal, „das wir uns nach Kriegsende zu keinem Zeitpunkt mit einer unfähigeren Regierung herumrumschlagen mussten“. „Fast ein ganzes Jahr lang werden wir nun mit diesem Wort, diesem Virus, fast in den Wahnsinn getrieben. […] Auf die Worte Corona und Pandemie habe ich bewusst verzichtet“, schreibt die Autor*in. Ach ja, und wenn man Impfgegner „Verweigerer“ nenne, dann sei „die Grenze des Erträglichen erreicht“. Sorry, nein, für mich ist die Grenze des Erträglichen mit so einem Text erreicht.

Soweit meine erste Reaktion. Offensichtlich waren da Trigger im Text, auf die ich angesprungen bin. Der Fairness halber will ich aber auch versuchen, den Text zu verteidigen. Einfach um zu sehen, ob das gelingt.

Wenn ich gebeten werde, einen Text zu kommentieren, frage ich mich als Erstes, was das für ein Text ist. Ist es z.B. ein Rant, dann ist eigentlich erstmal alles erlaubt, ohne dass es mir missfällt. Es ist halt ein Rant, und damit eine bestimmte Ausdrucksform, mit der sich nicht unbedingt die Autor*in als Person, aber auf jeden Fall bestimmte konstruierte Gedanken erstmal mindestens gefühlt unkontrolliert einfach nur Luft verschaffen sollen. Was ich sagen will: Bei einem Rant darf man der Autor*in zunächst auch dann Seriösität und Respekt unterstellen, wenn man im Text das Gegenteil vorfindet. Auch ein humorfrei und als Zumutung gestalteter Rant ist für mich legitim. Die Freiheit der Ausdrucksform finde ich einfach wichtig und das Empfinden der Leser*innen, auch mein eigenes, demgegenüber nachranging.

Aber Rants dürfen trotzdem nicht alles, wenn ich sie zumindest von der Form her akzeptieren soll. Mehr als nur unschön finde ich auch bei Rants z.B. kontextlose willkürliche Beschimpfungen gegen Personen, Ämter oder Institutionen, sowie das Verschmieren von „Meinungsäußerungen“ mit Falschinformationen und Unsinnsprojektionen. Gerade bei letzterem Punkt muss ich mich zwar immer auch an die eigene Nase fassen, denn weder die Deutungshoheit darüber, was „falsch“ ist, noch darüber, was „Unsinn“ ist, liegt ja allein bei mir, aber Informationen und Projektionen sind dennoch etwas anderes als Meinungen. Denn anders als bei Meinungen kann man objektiv untersuchen, wie sie zustande kommen.

Was ich damit meine ist Folgendes: Wir alle lesen und hören Dinge und entnehmen dem Informationen und Inspirationen. Wir alle übernehmen diese nicht blind, sondern benutzen Filtermechanismen, mit denen wir z.B. die Quelle bewerten oder die Rhetorik beurteilen oder den Inhalt analysieren und bestimmen dann durch unser eigenes Denken, wie die Informationen unser Wissen verändern und wie die Inspirationen unsere Meinung beeinflussen. Wir alle sind außerdem emotionale und soziale Wesen, die als Verarbeitungs- und Erklärungs-Mechanismus gerne prominente Personen als Projektionsfläche verwenden.

Und im Grunde ist das ein Zyklus, denn dieses „unser eigenes Denken“ wird ja wiederum dadurch bestimmt, welche Informationen wir in der Vergangenheit an unser Wissen herangelassen haben und welche Inspirationen unsere Meinung beeinflussen durften. Es sind also unsere Filter- und Verarbeitungs-Mechanismen, die auf lange Sicht letztendlich unser pseudofaktisches Wissen und unsere Einschätzung von Personen gestalten. Was wir an äußeren Impulsen filtern und was an inneren verarbeiten wird aber geprägt durch unseren sozialen Umgang, durch die Kultur unseres Umfelds. Wer wir sind — für uns selbst und für andere — bestimmt somit unser Wissen, unsere Meinung und unsere Sicht auf Personen und Ereignisse.

Wenn ich also gebeten werde, einen Text zu kommentieren, dann berücksichtige ich diese Zusammenhänge, indem ich mir immer wieder explizit klar mache, dass Wissen, Projektionen und Meinungen verschiedene Dinge sind, und dass Unterschiede in Wissen und Projektionen viel gravierender sind als unterschiedliche Meinungen, weil sie letztendlich bedeuten, dass sich die Filter- und Verarbeitungs-Mechanismen unterscheiden. Wenn Wissen und Projektionen auseinandergelaufen sind, nimmt man oft Lüge und Hass wahr, wo es gar nicht ist. Man muss vor allen Dingen sich selber sehr davor hüten, dies anderen zuzuschreiben, und sich klarmachen, dass nicht die unterschiedlichen Informations- und Inspirations-Quellen das Problem sind, sondern unsere unterschiedliche Prägung.

Langer Rede kurzer Sinn: Es gilt, die Nachvollziehbarkeit des Textes zu prüfen. Wie instrumentell agiert die Autor*in? Und wie expressiv? Wie ehrlich also ist das Ganze? Denn genau an dieser Stelle finden wir den Unterschied zwischen der AfD und ihren Opfern.

Ich halte die Autor*in des Textes für ehrlich. Und für ein Opfer. Falls ich mich fragen sollte, ob ich hier was tun kann, dann wäre die Antwort also nicht, den Graben tiefer zu ziehen, sondern Brücken zu schlagen. Dazu bräuchte ich aber ein Medium, das die emotionale Distanz verkleinert und die Kommunikationsbandbreite erhöht. Anders gesagt: Ich würde mich gerne persönlich treffen und locker abhängen. In Zeiten heftigst grassierender Covid-Pandemie sind die Gelegenheiten dazu aber leider komplett verschwunden, und dass sowas auch digital geht, habe ich noch nicht erlebt. Ich kann also erstmal nichts machen.

Schon doof, dieses Corona. Und da sind wir uns wahrscheinlich sogar alle einig.

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