Wokeness

Das Urban Dictionary definiert „woke“ ziemlich genau so, wie ich es verstehe, nämlich als schwere, radikale und absolute Wahrnehmungsstörung bei gleichzeitig empfundener Erleuchtung und dadurch bedingtem Gefühl eines höheren Zugangs zu einer befreienden Wahrheit, verbunden mit überheblicher und anmaßender Beurteilung sozialer Belange.

„Deluded or fake awareness“ heißt es dort in den Definitionen, bis hin zu „Woke is a politically correct alternative to ’stupid‘ or ‚retarded'“. Außerdem etwas präziser noch „The act of being very pretentious about how much you care about a social issue“, und — wie ich finde am passendsten — „Being ‚Woke‘ is what happens when instead of taking one blue pill, you down the entire bottle.“ in Anlehnung an Morpheus in The Matrix, der Neo eine „red pill“ (perception of reality) und eine „blue pill“ (prison of ignorance) anbietet.

Ich verstehe den Begriff „woke“ dehalb so, wie es die englischsprachigen Nutzer im Urban Dictionary definieren, weil er auch in meiner deutschen Twitter-Bubble (wo ich ihn gelernt habe) genau so verwendet wird. Im Artikel Die Feinde des Liberalismus (Paywall) wendet die ZEIT ihn nun auf „Wach- oder Bewusstheit, im Rassen- und Kulturkampf“ an. Der Artikel legt dar, warum die Deplorables wegen der Wokeness der US-Linken „Trump zugelaufen sind“ und „Hillary Clinton 2016 den Wahlsieg gekostet haben“.

Wokeness ist tatsächlich eine Seuche in Amerika, ähnlich wie der Postmodernismus (ich schrieb darüber in PoMo-Twitter), und auch ich hatte damals zwar die Republikaner dafür verantwortlich gemacht, dass sie Trump als Präsidentschaftskanditaten aufgestellt haben, aber eben die abgehobene US-Linke dafür, dass Trump gewählt wurde. Auch der genannte ZEIT-Artikel spricht von „Amerika, die westliche Postmoderne überhaupt“, das unter der „Fuchtel des Jakobinismus“ steht und in dem eine „Ideologie der Intoleranz“ vorherrscht.

Wer in den letzten Jahren die Medien verfolgt hat, weiß dass das keine Übertreibung ist. Jeden Tag werden dort durch Wokeness und „canceling“ Existenzen vernichtet. Trump war seine ganze Amtszeit hindurch immer das kleinere Problem. Er hat nur die rechten Identitären gestärkt. Die Spaltung der Gesellschaft war durch die linken Identitären längst gegeben. Liberaldemokratischen Humanismus gibt es in den USA schon lange nicht mehr.

Der Artikel Wie soll man sagen? (auch Paywall) in der Süddeutschen nimmt Bezug auf diesen ZEIT-Artikel von @josef_joffe und zitiert dessen „moralische Vernichtung wegen Falschdenk“, ohne näher darauf einzugehen. Er erklärt dann den Begriff „BPoc“ als „Selbstzuschreibung“ von Menschen mit Rassifizierungserfahrung, sagt aber nichts zum Kern des ZEIT-Artikels, dem „Zwang zur Selbstbezichtigung“ bei Weißen. „Schwarze sind auf ewig Opfer, Weiße auf ewig schuldig.“ heißt es dort, und „‚Wokeness‘ signalisiert Kollektivschuld ohne Ausweg“.

Stattdessen schreibt @jhaentzschel zum BPoc-Begriff „Signifikant und Signifikat stehen bei diesem Begriff, anders als bei Katze oder Apfel, in einer variablen Beziehung, sie sind abhängig von persönlichen Erfahrungen.“

Katze oder Apfel.

Damit hat er mich abgehängt. Aber auch der ZEIT-Artikel übertreibt: „‚White male privilege‘ ist der Inbegriff des Bösen, ‚Rassist‘ die Verdammnis, die keinen Beleg erfordert. ‚Critical Whiteness‘ ist eine akademische Disziplin, die sich kaum von Indoktrination trennen lässt. Ein Weißer sei lebenslang gebrandmarkt – wie einst der Sklave im Baumwollfeld. Erlösung gibt es nicht.“

Ja, das ist woke. Und pomo. Und identitär. Aber das in dieser Form so plakativ anzuprangern, ist rassistisch. Mich zumindest erinnert das an das Hashtag #rassismusgegenweisse, das heute schon wieder an der Spitze der Twitter-Deutschlandtrends stand. Wo dann wieder alle nochmal sagen, dass es das nicht gibt. Und Nazis, dass doch.

Im Feuilleton der F.A.S. übrigens (hab‘ keinen Link, weil Print) war die S. 35 heute das „Glossar des richtigen Sprechens“.

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3 Antworten zu Wokeness

  1. Marius schreibt:

    Ich lasse mir auch regelmäßig Slang-Begriffe von UD erklären, finde die Seite aber immer häufiger mehr als unpassend, gerade bei Begriffen, die es durch erhöhte (konventionelle) Medienpräsenz in die Öffentlichkeit schaffen.
    Bsp. „Gamergate“ (keine Erklärung, die die Hasskampagne erwähnt) oder „Black Lives Matter“ (mehr negative Bewertungen als positive).

    Was mir dann wiederum sagt, welche Bedeutung die so attackierten Begriffe haben.

    • York schreibt:

      Ja, das war mir auch aufgefallen. Also dass die Gefahr besteht, wenn es nicht sogar schon längst so ist, dass manche Slang-Erklärungen im UD nicht mehr repräsentativ sind. Oder zwar noch repräsentativ sind, aber eben dadurch aufzeigen, dass neuere Bedeutungen der Begriffe aus ihren Szene-Blasen noch nicht so herausgekommen sind, wie sie es sollten. Ich war mir beim Schreiben sogar unschlüssig geworden, ob ich das wirklich so abschicken sollte, denn mir scheint, dass „woke“ als Begriff gerade im Wandel ist und zunehmend auch positiv konnotiert zum Einsatz kommt. Auch mit verursacht durch „Black Lives Matter“. Und „pomo“ bewegt sich auch zunehmend von Kritik innerhalb der Linken zu einem Kampfbegriff der Rechten. Wenn das mit „woke“ genauso passiert, dann habe ich zur Sprache der Rechten nicht mehr die von mir gewünschte erkennbare Distanz. Allerdings das UD dann eben auch nicht. Da hier die Sprache die Bedeutung verschiebt, ist dieser Effekt aber genau eines der Themen, die mich bei „woke“ und „pomo“ treiben. Also habe ich es doch so abgeschickt.

  2. Marius schreibt:

    Interessant, ich hatte „woke“ bereits als positiven Begriff kennengelernt, wie die Beschreibung bei Wiktionary (https://en.wiktionary.org/wiki/woke#Adjective) steht – dort aber auch inkl. Bedeutungs-Verfall ab 2016. Ich habe auch die Übernahme ins Schlechte mitbekommen (siehe @awardsforgoodboys bei Instagram).
    Sehe es daher immer noch als positiven Begriff, der halt angeeignet, also selbst verordnet wurde. Ironisch, das in den Kontext der Matrix-Pillen zu stellen.

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