Ende der Maßnahmen

Es gibt Länder, da hat die Politik ein Datum gesetzt. Ist der genannte Tag erreicht, bedeutet er das Ende aller Maßnahmen. Nicht-pharmazeutische Maßnahmen im Zuge der Covid-19-Pandemie — wie Kontaktbeschränkungen und sowas — gibt es dann einfach nicht mehr.

In Deutschland gibt es so ein Datum aktuell nicht, zumindest habe ich davon nichts mitbekommen. Hier wurde ja auch bisher in allen Phasen dieser Pandemie immer erstmal irgendwie „auf Sicht gefahren“, so dass es verwunderlich wäre, wenn plötzlich etwas passiert, was auch nur im Entferntesten nach Strategie oder nach einem Ziel aussieht. Wer heute trotzdem versucht, in die politische Zukunft zu orakeln, dürfte daher meistens zu der Vermutung kommen, dass uns hierzulande sowas wie 3G-Nachweispflicht und Maskenpflicht in bestimmten Bereichen noch mindestens bis Frühjahr 2022 erhalten bleiben werden. Vielleicht auch viel länger. Man möchte eben weiterhin „auf Sicht fahren“, da man was anderes nicht denken kann. Vielleicht, weil man auch überhaupt gar nicht denken möchte.

Ich wünsche es mir aber. Also das Denken. Aber vor allen Dingen das Schlussdatum. So ein Schlussdatum wie in diesen anderen Ländern. Ich wünsche mir ein Schlussdatum für alle Corona-Maßnahmen. Ein Schlussdatum für Maskenpflicht, für Testpflicht und sogar für den Druck, sich impfen zu lassen. Und erst recht natürlich für Kontaktbeschränkungen. Am besten ein und dasselbe Schlussdatum für alle diese Dinge. Mit dem Übergang vom pandemischen ins endemische Infektionsgeschehen ist es irgendwann Definitionssache, ob wir noch in der Pandemie sind oder nicht. Und dann kann man auch definieren, wann es vorbei ist. Und damit, dass es vorbei ist.

Im Grunde war diese Pandemie ja auch bisher schon Definitionssache. Pandemie war, wo ohne Maßnahmen „Überlastung des Gesundheitssystems“ drohte. Da hatte man dann einige Menschen durch irgendwelche Maßnahmen vor dem Virus beschützt, und einige auch nicht. Hauptsache die „Überlastung“ ging ein bisschen zurück. Dass man willkürlich einige Menschen lange vor dem Bestehen von Impfangeboten vorsätzlich erkranken ließ, fand man ok. Dass man mit den Maßnahmen ebenfalls vorsätzlich und willkürlich einige Menschen direkt schädigte, und andere nicht, fand man auch ok. Wer sowohl von dem Virus als auch von den Maßnahmen weniger bedroht war als andere, war halt besser dran als andere. Und die Leute, die die Maßnahmen beschlossen haben, waren immer besser dran. Im Grunde ging es nur um den Schutz des ökonomischen Systems. Die einen opferte man dem Virus, die anderen den Maßnahmen, um insgesamt möglichst nichts ändern zu müssen. So war das. Im Rückblick könnte man auch sagen: So war das „notwendig“.

Inzwischen sind wir aber in einer Phase der Pandemie angekommen, wo kurzfristige und gute Impfangebote für nahezu jeden verfügbar sind. Man muss nicht einmal viel abwägen. Die Entscheidung für eine Impfung ist naheliegend und risikoarm, sowie nahezu flächendeckend für jeden auch ohne Termin umsetzbar. Eine Rechtfertigung, mit nicht-pharmazeutischen Maßnahmen auf die Menschen einzuprügeln, gäbe es nur noch, wenn trotz Impffortschritts ansonsten erneut eine „Überlastung des Gesundheitssystems“ drohte. Wer sich mal mit den Zuständen in einem Krankenhaus oder auf einer Pflegestation beschäftigt hat, wird sich allerdings verwundert fragen, wann das Gesundheitssystem denn jemals nicht überlastet war (und warum das Ganze überhaupt noch „Gesundheitssystem“ heißt, aber das ist ein anderes Thema). Auch das ist nämlich reine Definitionssache. Jedenfalls sind inzwischen keine von den bisherigen Maßnahmen für eine Überlastungsvermeidung mehr „notwendig“. Denn die Entscheider sind jetzt alle geimpft.

Damit klar wird, dass ich das alles ernst meine, möchte ich hier nun noch kurz auf drei Dinge separat eingehen, um sie näher zu begründen — nämlich auf den Impffortschritt, die Maskenpflicht und auf die mit der Testpflicht verbundene Markierung von Menschen — bevor ich dann mein Fazit präsentiere.

Zum Impffortschritt:

  • Ich verstehe, dass sich viele Leute zwar impfen lassen würden, und eigentlich auch längst wollten, aber bisher irgendwie nicht in die Puschen kamen. Ja, die brauchen einen Arschtritt. Ich verstehe auch, dass sich viele Leute von Falschinformationen über das Impfen leiten lassen. Ja, die müssen auf den Pott gesetzt werden. Motivation und Aufklärung sind Hilfen, die man nicht verweigern darf, denn mit der Impfung schützt man sich nicht nur selber vor einem schweren Krankheitsverlauf, sondern man schützt insbesondere andere. Außerdem ermöglichen Impfungen mehr menschliche Kontakte auch während der pandemischen Hochphasen, und zwar für alle. Sie ersetzen ansonsten notwendige nicht-pharmazeutische Maßnahmen.
     
  • Es gibt aber eben auch Menschen, die ihre Entscheidung bereits getroffen haben und diese auch informiert getroffen haben, und deren Entscheidung nur eben anders ist, als man das gerne hätte. Das ist dann einfach so. Da letztendlich jeder medizinische Eingriff (und darum handelt es sich bei einer Impfung) am Ende immer alleine von der betroffenen Person verantwortet wird, kann ich nicht verstehen, wie man diese Entscheidung nicht akzeptieren kann. Man muss das sogar respektieren und nicht nur tolerieren. Es ist immer eine individuelle Abwägungssache. Ich hatte mich seinerzeit für eine Impfung entschieden, aber das macht mich nicht besser als andere, die sich genauso bewusst und informiert bisher dagegen entschieden haben.

Zur Maskenpflicht:

  • Ich trage, wenn ich in Innenräumen auf andere Leuten treffe, immer frische FFP2-Masken (eben der anderen Leute wegen), und kann auch gut darin atmen (habe selber kein Problem damit). Ich finde den Anblick aber immer noch traumatisierend, wenn in einer Gruppe von Menschen alle mit Maske herumlaufen. Und ich finde die Vorstellung schlimm, dass sich jemand vielleicht von seiner Maske eingeengt fühlt, diese aber auch in Panikattacken nicht absetzen darf. So langsam wird sogar Einkaufen für mich zum Problem, weil ich die Maskenpflicht zunehmend nicht mehr aushalte. Und es geht damit nicht einmal um mich. Es geht darum, was die Maskenpflicht mit uns allen macht.
     
  • Ich glaube nämlich immer mehr, dass wir eigentlich längst alle ein immer größer werdendes Problem mit den Masken haben, ob nun mit dem Tragen oder dem Anblick oder etwas anderem. Außerdem sind wir ja allgemein auf den Austausch von Viren untereinander auch gesundheitlich angewiesen. Der Vorteil, den Zeitpunkt der ersten Infektion mit SARS-CoV-2 noch etwas zu verschleppen (weil wir da noch nicht wirklich im endemischen Geschehen angekommen sind), wird so langsam von dem Nachteil übertroffen, dass die Immunisierung gegen andere Krankheiten zu lange unterbleibt. Man erkrankt dann früher oder später an etwas anderem schwer, was doch auch keine Lösung ist.

Zur Markierung von Menschen:

  • Ich weiß noch, wie mir schlecht wurde, als ich die Strichcodes an den Wohnblöcken in Grünhöfe gesehen hatte (das ist ein Armenviertel in Bremerhaven). Und wir mir aus dem gleichen Grund schlecht wurde, als wir All-inclusive-Teilnehmer auf der Klausurtagung uns für den Zugang zum Buffet mit einem nicht unzerstört ablegbaren Bändchen markieren sollten. Ich ertrage es einfach nicht, wenn Menschen direkt oder indirekt markiert werden. Ich weiß auch noch, wie entsetzt ich war, als mir bei einem Besuch in einem Pflegeheim eine Pistole an den Kopf gesetzt wurde, um ungefragt meine Körpertemperatur zu messen. Oder wie entsetzt ich war, als ich mich für den Zugang zum Frisör oder zum Büro plötzlich testen lassen musste. Spoiler: Ich habe das Pflegeheim nie wieder betreten, und auch nie eine Location, für die ich einen Test gebraucht hätte. Ich würde es einfach nicht ertragen, getestet zu werden. Das ist Klassifikation nach personenbezogenen medizinischen Daten.
     
  • Ein „blaues Bändchen für Geimpfte“ zu tragen (in Zügen und in der Gastronomie in Frankreich, aber auch in einem Freizeitpark in Deutschland war das mal ein Thema), würde mir wahrscheinlich trotzdem nichts ausmachen, obwohl es die beiden Aspekte des vorgenannten Punktes vereint (sichtbare Markierung von Menschen aufgrund von personenbezogenen medizinischen Daten). Das liegt aber wahrscheinlich an der Vorbildfunktion des Geimpftseins und an der Wichtigkeit einer hohen Impfquote. Ich finde es aber richtig, dass diese Praxis jeweils Skandale ausgelöst hat. Es sind Skandale!

Mein Fazit:

  • Ich bin gegen die Diskriminierung von Ungeimpften (siehe „Zum Impffortschritt“), gegen ein Fortbestehen der Maskenpflicht (siehe „Zur Maskenpflicht“), und ich bin generell gegen das Testen und Markieren von Menschen (siehe „Zur Markierung von Menschen“). Sobald ein gewisser Erstimmunisierungsfortschritt in der Bevölkerung vorhanden ist, also das Geschehen zunehmend endemisch wird, müssen wir aufhören, einen 3G-Nachweis zu fordern, bzw. sogar verbieten, dass er irgendwo gefordert wird. Es geht niemanden etwas an, ob jemand geimpft, getestet oder genesen ist oder auf anderem Wege zu Antikörpern oder anderen Immunantworten gekommen ist (z.B. durch unentdeckt durchgemachte Infektionen oder durch Medikamente). Das sind personenbezogene medizinische Daten!
     
  • Wenn diese 3G-Sache zu lange geht, internalisieren außerdem zu viele Menschen den Generalverdacht gegen Viren als schädlich und gegen andere Menschen als deren Überträger. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Der enge Kontakt mit Menschen mitsamt all ihren Viren ist extrem wichtig für unser Immunsystem und unser aller Gesundheit. Und ist mal jemandem aufgefallen, dass man für einen 3G-Nachweis immer seinen Personalausweis vorzeigen muss? Wann ist es plötzlich ok geworden, sich nicht mehr anonym bewegen zu können?

Wenn wir die Pandemie für beendet erklären, weil das eh Definitionssache ist, und alle nicht-pharmazeutischen Maßnahmen streichen, wären alle diese Probleme gelöst. Ja, ich weiß auch, dass noch ein harter Winter 2021/2022 kommt, was Erkrankungen angeht. Aber ich bin überzeugt, dass fortbestehende nicht-pharmazeutische Maßnahmen zu Corona alles nur noch schlimmer machen würden. Es muss ein Schlussdatum geben, und es muss das bald geben. Eine Herdenimmunität kommt eh nie, und eine Grenze zwischen pandemischem und endemischem Geschehen wird man auch nicht messen, sondern auch wieder nur definieren können. Wenn wir die Pandemie jetzt nicht bald für beendet erklären, wird sie nie enden, weil sie in den Köpfen der Leute dann zum Selbstläufer wird und immer weiterbesteht. Wir müssen den Geist wieder einfangen, den wir aus der Flasche gelassen haben, so lange wir es noch können! Vollständig. Und so bald wie möglich. Die Länder, in denen die Politik ein Datum gesetzt hat, an dem alle Maßnahmen ganz eingestellt werden, machen es richtig. Ich möchte das auch für Deutschland.

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